Casper
"XOXO"
(Four Music / Sony Music)
Emo-Rapper. Deutschraps Messias. Album des Jahres. Senkrechtstarter. HipHops letzter Rettungsanker. Es gibt wohl keinen Superlativ, keine Floskel, die in den vergangenen Wochen und Monaten nicht überstrapaziert worden wären. Ein bisschen nerven kann er einen schon, der ganze Medienrummel um den Bielefelder Wahl-Berliner Casper. Kaum ein Magazin, das sich nicht voll des Lobes über dessen zweites Studioalbum "XOXO" zeigt. Kein Musikblog, das Casper und sein Langspielwerk nicht mindestens in einer Kurznotiz erwähnt. Benjamin Griffey, wie der in den USA aufgewachsene Rapper mit bürgerlichem Namen heißt, polarisiert - weil er Gedankensperren einreißt. Immer häufiger taucht die Frage auf: "Ist das überhaupt noch HipHop?" Und nach dem Durchhören von "XOXO" kann die Antwort nur lauten: "Wen interessiert's? Es ist gewaltig."

"XOXO" ist kein typisches HipHop-Album, das stimmt schon. Das wird von Beginn an mit "Der Druck steigt" deutlich. Keine Samples, kein Plattenkratzen, kein pumpender Elektrobeat (von "So perfekt" mal abgesehen, aber dem Track tut das gut), dafür düstere Gitarrenriffs, eingespielter Bass und "echtes" Schlagzeug. Trotzdem Rap, trotzdem HipHop - aber eben Caspers Rap, Caspers HipHop, von seinen unterschiedlichen Musikeinflüssen geprägt, trotzdem mit durchdachten Metaphern und cleveren Reimen. Wenn Musik ein Schrank voller Genreschubladen ist, dann ist "XOXO" der Sprengsatz, der nicht nur die Schubladen, sondern den ganzen Schrank zerreißt. Was zurückbleibt, ist tiefschürfende Musik in ihrer reinsten Form, der es völlig gleichgültig ist, wie man sie tituliert.

"XOXO" bewegt, zerrüttet, wühlt auf . Willkommen im Leben, des wahlweise "kuntergrau" oder "dunkelbunt" sein kann. "Depression war nie tragbar, doch steht uns so gut", philosophiert Casper im Titeltrack - hallo Gesellschaftsspiegel. Und doch bleibt durch die Liebe ein Hoffnungsschimmer, ein Farbklecks im schwarzschwarzen Alltag: "Ich tätowier' mir deinen Namen übers Herz, mit Anker - damit jeder weiß, wo meins hingehört." Thees Uhlmann, Frontsänger von Tomte und gemeinsam mit Marteria einziger Feature-Gast auf dem insgesamt 13 Titel starken Werk, ergänzt in seinem Refrain: "Wir liegen lachend in den Trümmern und fühlen uns frei." Das Album ist also nicht nur düster Dreingucken, sondern auch Mutmachen und Motivieren: "Mal bist du der Jäger, mal bist du der Bär - doch wenn du Bär sein musst, um Gottes Willen, dann kämpf!" (aus "Das Grizzly Lied")

"XOXO" beschreibt das Leben in seiner schönsten, grausamsten, erholsamsten und bedrückendsten Form. "Auf und davon" will sich doch jeder einmal machen, "an den Ort, wo wir mit 16 dachten, wo wir mit 30 sind". Vieles kann so einfach sein: "Der Trick ist Atmen - die Antwort, einfach nicht zu fragen." Die Genialität Caspers liegt im Andersdenken, im Blickwinkel ändern. "Nicht dein Tag - jahrelang" vom positivsten Lied, dem eingangs erwähnten "So perfekt" mit Marteria, soll hier als weiteres Beispiel genügen, um zu zeigen, wie der Bielefelder mit der Reibeisenstimme es nicht nur musikalisch, sondern auch in seinen Texten schafft, Grenzen zu überschreiten.

Und obwohl das Album "nur" noch sechs Tracks enthält, die dem aufmerksamen Casper-Anhänger nicht schon von YouTube-Videos und Live-Auftritten bekannt sind, lohnt es sich trotzdem, genau hinzuhören. "Alaska" beispielsweise ist im Studio hervorragend akzentuiert worden und ein Quantensprung im Vergleich zu diversen Mitschnitten, die im Netz zu finden sind. "Michael X" ist ein bewegendes Geburtstagsgeschenk an einen verstorbenen Freund, dessen Tragweite erst in ruhiger Umgebung vollständig zur Geltung kommt. "Sag, hörst Du das auch?" Ganz nah an sich heran lässt Casper seine Fans dann mit dem "Arlen Griffey Prelude", einem Shoutout seines Vater aus Amerika. "Be happy. Stand up straight for your beliefs. Remember your family. And help people whenever you can." Gehe und handle genauso.

"XOXO" ist auf 13 Tracks gepresste Gänsehaut. Album des Jahres? Deutschraps Retter? Who cares. "XOXO" ist zu vielseitig und zu ehrlich, schlicht - zu menschlich, um in Kategorien gezwungen zu werden. Wie auch immer man "XOXO" etikettieren möchte, der Inhalt kann nur mit einem Wort beschrieben werden: Kunst. Naja, vielleicht auch zwei: große Kunst.

Thorsten (thorsten@allesreal.de)