Rasputin


Du rappst seit zehn Jahren, hast bereits einige Tapes veröffentlicht oder Beiträge für befreundete Künstler abgeliefert. Dein Debüt-Album ist allerdings erst jetzt erschienen. Warum hat das so lange gedauert?

Das ist sehr komplex. Da spielen viele Dinge mit hinein. Der ausschlaggebendste Grund war der Künstlerexklusivvertrag mit "Flara", in dem ich lange gefangen war. Der Vertrag erlaubte mir nur, ganz exklusiv mit Flaps als Produzenten Songs zu veröffentlichen. Der böse Fallstrick lag darin, dass sich kurz nach unserem Signing Stück für Stück immer mehr musikalische Differenzen eingeschlichen haben. Dann gab es die große Trennung, die uns Fans und enge Freunde sehr übel nahmen. Auch die Umschulung vom Band-MC zum Solo-MC kostete seine Zeit. Und du weißt ja, wie schnell so ein Jahr wieder rum ist.

Welche Bedeutung steckt für dich hinter dem Albumtitel "Achtung"?

"Achtung" ist ganz platt als eine Warnung zu verstehen. Da ich mir über die Jahre als Live-MC einen wirklich großen Namen gemacht habe, war die Erwartungshaltung immer existent. Seit 2000 habe ich immer alle vertrösten müssen: "Ja, ja, mein Album kommt dann bald." Bloß hat das dann irgendwann keiner mehr geglaubt. Außerdem hat HipHop für mich viel mit Achtung sich selbst und der Kultur gegenüber zu tun.

Wie kam die Verbindung zu Fingerprint zustande und warum hast du dich entschieden, dort dein Album zu veröffentlichen?

Die Labelbetreiber und ich - wir kennen uns schon sehr lange. Da mussten wir einfach nicht mehr ganz von vorne anfangen. Ich kenne meine Visionen, ich deren und umgekehrt. Und die sind nahezu kongruent.

Deinen Stil beschreibst Du mit "Ich könnte heute einen Track mit Savas und morgen einen mit Blumentopf machen - und es würde passen", außerdem sagst du in einem anderen Interview, dass in einer Rezension über "Das verlorene Album" gestanden habe, du schlägst eine Brücke zwischen den Fans dieser beiden Lager, und dass du findest, es sei gut auf den Punkt gebracht. Gerade jetzt, wo die Schubladisierung von Rap (Gangster-Rap, Straßen-Rap. Studenten-Rap, Club-Rap…) leider so stark vorangetrieben wird wie noch nie: Denkst du, es ist da überhaupt noch eine Schnittmenge vorhanden?

Komplizierte Frage. Gibt es eine Schnittmenge? Entscheide das bitte selbst. Ich für meinen Teil würde mich stark einengen, immer dem selben Image nachkommen zu müssen. In mir steckt ein intelligenter Typ, der in der Lage ist, sich und seine Umwelt zu reflektieren. Genauso habe ich auch eine sehr ignorante, jähzornige und prollige Seite in mir. Beides ist echt, gehört zu mir und hat somit auch das Recht, zu Songs verwurstet zu werden. Zu meinem Freundeskreis zählen Müsli-Fans, die auch Tocotronic feiern, sowie schwere Jungs, die man für deutsche Verhältnisse getrost Gangsta schimpfen darf. Ich führe solche Leute gerne zusammen, nicht nur musikalisch.

Im ersten Stück "Culture-Clash" erläuterst du deinen Stil und auch die Art von Musik, die dir persönlich taugt. Ist der Track eine Art Manifest für dich?

Mein ganzes Album darf als Manifest verstanden werden. "Culture-Clash" ist nur der Anfang.

Hast du das Stück bewusst an den Anfang des Albums gesetzt, damit die Leute sofort verstehen, mit was sie während der folgenden Dreiviertelstunde zu rechnen haben?

Ja, um gleich klar zu stellen, dass ich mich auf nichts festlegen lasse. Hat Afrika Bambaata das getan? Nein, und ohne ihn gäbe es kein De La Soul und keinen The Game.

Deine Ansagen stehen eigentlich in einer guten Tradition mit Eißfeldts "Wer HipHop macht, aber nur HipHop hört, betreibt Inzest" oder Pahels "Ich find's dope, wenn Du nicht aufhörst, HipHop zu sein. Aber scheiße, wenn HipHop Dich davon abhält, Du zu bleiben". Woran liegt es deiner Meinung nach, dass scheinbar viele nur noch engstirnig auf Rap fokussiert sind oder teilweise sogar dazu übergehen, andere Acts zu verdammen, sobald diese von "ihrem Idol" gedisst worden sind?

Wieder eine Frage, die ich so pauschal nicht beantworten möchte. Aber zu deinem letzten Satz: Dass MCs, die von Idolen gedisst werden, verdammt und geächtet werden, ist sachlich gesehen sicherlich falsch. Aber als Jugendlicher definiert man sich nun halt mal über Abgrenzung. Deinen Eltern blieb früher fast nichts anderes übrig, als entweder die Beatles oder die Rolling Stones zu hassen. Heute haben sie wahrscheinlich beides im Schrank.

"Warum machen sogar Fans von mir einen Aufstand, wenn sie hören, dass ich auch ab und zu zu Goa oder House tanze?", fragst du außerdem in "Culture-Clash". Hattest du da wirklich schon Diskussionen mit deinen Fans darüber?

Jaa! Auf einer riesigen Goa-Party im Wald habe ich ein paar Heads getroffen. Die waren nur da, um Teile, Pilze, Pep und Kokain zu verkaufen. Die haben sich gar nicht wieder eingekriegt, dass ich da mit nacktem Oberkörper getanzt habe wie so ein durchgeknallter Wald-Zwerg. Die dachten, jetzt sei ich total am Ende.

Dein Album ist ja straighte Rap-Musik. Kannst du dir vor dem Hintergrund deines durchaus breit gefächerten Musikgeschmacks auch vorstellen, dass du mal ein Album veröffentlichst, bei dem verschiedene Stile ineinander verschmelzen?

Klar kann ich mir das vorstellen. Aber nicht auf Biegen und Brechen. Ich probiere bald mal etwas mit einer Live-Band. Ich hab da schon ein ganz attraktives Angebot bekommen. Und die schrecken vor keinem Genre zurück.

Das Stück "Gleisfieber" ist eine Hommage an alle Writer und beschreibt die Leidenschaft und das Risiko, das sie auf sich nehmen, wenn sie rausgehen und malen. Hast Du selbst gemalt oder bist du sogar noch aktiv? Was würdest du sagen ist der größte Reiz beim Malen?

Nein, ich bin da nicht mehr aktiv. Entweder ganz oder gar nicht. Der größte Reiz sind die fast militärischen Aktionen, die man auf sich nimmt, um einen schlafenden Drachen zu tätowieren. Man schaltet seine Ratio ab und verlässt sich nur noch auf seine Instinkte. Wie ein Leistungssportler oder ein Tier. Und der Geruch von Stahl, Öl und Aerosolen - GGGrrrrOOOaaaaRRRR!

Du sagt über dich selbst in einem anderen Interview, Schmerz sei eine starke Inspirationsquelle. Warum?

Warum? Warum? Ist halt so. Keine Ahnung. Also, ich schreibe, wenn es mir schlecht geht, einfach besser und intensiver. Komischerweise ist das dann auch nicht unbedingt nur der depressive Kram. Guck sie dir doch an, die ganzen Künstler. Kommen die klar? Vielleicht liegt es daran, dass man flüchten muss, wenn einen die Alltags-Realität zu hart reitet.

Aus welcher Situation heraus ist eigentlich "Meditation" entstanden?

Aus der Situation heraus, dass ich es satt hatte, tausenden Stresssituationen ausgesetzt zu sein. Aus dem Gefühl heraus, Reisefieber in ein schmerzloses Dasein zu haben. Ein Schrei nach Frieden und Harmonie. In dem Moment des Schreibens hatte ich diese Schwerelosigkeit, was auch daran lag, dass ich mit Medikamenten zugeballert war.

Hast du oft das Gefühl, dass du und dein Leben zwei verschiedene Dinge sind?

Wahrscheinlich sogar noch viel mehr. Mein Leben und ich sind eine ganze Herde!

In "Geisterstadt" thematisierst du gemeinsam mit Clueso und Laas Unltd. die Anonymität in den Großstädten. Wer von euch hatte denn die Idee zu diesem Song? Und könntest du dir vorstellen, irgendwann mal auf dem Land zu leben oder bietet die Stadt trotz negativer Seiten doch zu viele Reize und Möglichkeiten?

Die Idee stammte von Laas. Er hat diesen Song angefangen, als ich im Nachbarstudio "Schmetterling" geschrieben habe. Ich kam dann rüber, und die Fortsetzung war dann quasi nur noch Schreibarbeit. In Deutschland würde ich nicht auf dem Land leben wollen. Woanders schon. Bevor ich abhaue, habe ich hier aber noch einiges zu tun. Bielefeld ist gerade richtig für mich derzeit.

In "Alkohol am Steuer" beschreibst du sehr drastisch, was aus einer Dummheit alles resultieren kann. Warum hast du gerade ein solches Thema für dein Album ausgewählt?

Ich kenne so viele Leute, die dadurch ihr Leben lassen mussten. Das musste einfach mal thematisiert werden. Vielleicht habe ich ja einfach nur gehofft, vom ADAC gesponsert zu werden?

In "Schmetterling" mit Clueso, Dirt M. und Norman Bates heißt es: "Der Mensch geht und die Natur bleibt." Bist du also der Überzeugung, dass die Natur den Menschen doch noch überleben wird?

Die Natur erholt sich immer wieder. Das ist nur eine Frage der Zeit. Die Spezies Mensch wird hier, weltgeschichtlich gesehen, nur ein kurzes Gastspiel haben. Davon bin ich überzeugt. Ist wohl auch besser so.

"Du musst zugeben, dein Schlüsselerlebnis war 8 Mile. Fand ich auch def, aber für mich war es noch Beatstreet... [...] Der Unterschied liegt darin, bei mir war es noch ein Stückchen deutscher Pioniergeist, schon lange bevor jedes Kid seinen Shit auf Papier scheißt", heißt es in "Rasarch oder Punkerbraut". Auch wenn du sagst, dass du "8 Mile" nicht schlecht fandest, denkst du trotzdem, dass es kein besonders toller Einstieg ist, wenn man sich beginnt, für HipHop zu interessieren?

Bestimmt ist "8 Mile" ein guter Einstieg für die Kids. Aber HipHop hat nicht ab da angefangen. Der Film liegt erst so kurz zurück, und viele denken, sie seien schon selber ein Eminem und Rasputin ein alter Zulu-Sozialarbeiter. Hätten die Ahnung von Flows und Technik oder gar von der deutschen Sprache, wären die nur noch mucksmäuschenstill. Auf einmal wollen die einem erzählen, was HipHop ist. Hua,Hua,Hua!

Würdest du jedem raten, sich auch mal "Beatstreet" oder "Wildstyle" reinzuziehen?

Jeder, der sich wirklich für HipHop interessiert, sollte sich diese Filme angucken. Wenn ich mich in eine Frau verliebe, will ich ja auch wissen, was in ihrer Kindheit passiert ist. Sonst würde ich sie ja gar nicht kennen lernen, geschweige denn, verstehen können.

Die Zeiten ändern sich genauso wie die Vorbilder. Heute kommen viele wohl über Kool Savas, Eko Fresh, Samy Deluxe oder Sido zu HipHop. Meinst du, dass du es damals sozusagen besser hattest und viele heute nur noch einen ganz kleinen Teil von dem mitbekommen, was HipHop sein kann?

Das hat eigentlich nichts mit der Zeit zu tun, lediglich mit dem Interesse. Dass die Kids heutzutage immer oberflächlicher werden, hat wiederum doch mit der Zeit zu tun. Besser hatte ich es nur in der Hinsicht, dass der Konsumzwang wesentlich geringer war.

Fehlt es den jugendlichen Hörern heute an Respekt gegenüber den Wurzeln?

Nicht allen, aber den meisten. Frag 50 Cent, der würde dir das gleiche erzählen.

In einem anderen Interview hast du gesagt, dass du in deinen Anfangstagen so verstrahlt warst, dass du auf Jams vor Glück fast geheult hättest. Und dass du ein verzücktes "Ich-liebe-die-HipHop-Kultur-Grinsen" getragen hättest. Heute sei HipHop für dich wie fressen und kacken, und eine HipHop-Kultur habe es in Deutschland nie gegeben. Wie kam es denn zu diesem Sinneswandel? Gab es ein einschneidendes Erlebnis oder waren das viele kleine Dinge?

Zuerst einmal muss ich klarstellen: Ich habe nie gesagt, es gebe keine HipHop-Kultur. Die Juice hat das falsch geschrieben. Ich habe gesagt, es gebe keine HipHop-Szene. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Aber das, was die deutsche HipHop-Kultur mal ausgemacht hat, ist komplett an amerikanische Klischees verloren gegangen. Das ist kein Sinneswandel, sondern Fakt.

Kommt es dir in manchen Momenten schade vor, dass HipHop für dich diesen quasi religiösen Stellenwert verloren hat oder akzeptierst du das als völlig normalen Lauf der Dinge?

Das ist der normale Lauf der Dinge. Wenn man jung ist, idealisiert man immer alles bis ins letzte. Irgendwann holt einen aber die Realität ein. Wenn man jung ist und HipHop nicht mit viel Idealismus verbindet, ist man herzlos und wird wahrscheinlich auch nie gut. Wenn man jedoch älter wird und immer noch nur von Idealismus getrieben wird, endet man auf der Straße oder als frustrierter Steppenwolf.

In deiner Biografie sagst du: "Ich war ein wahnsinnig naiver, überbegabter, ständig zum Scheiße bauen bereiter Penner, ohne jegliche Struktur und fernab von der Wirklichkeit. Das Schlimme daran war, dass mich genau das als Künstler interessant machte." Wie würdest du dich heute beschreiben?

Ansatzweise stecken diese Seiten immer noch in mir. Ich bin nur ein bisschen fokussierter, erfahrener und somit vorsichtiger geworden. Hätte ich meinen damaligen Lifestyle durchgezogen, könnte ich dir heute keine Fragen beantworten. Du hättest sie mir nicht einmal gestellt.

Von Bielefeld bist du irgendwann in Richtung Hamburg aufgebrochen. Ein anderes Umfeld bedeuten immer auch neue Eindrücke, neue Inspiration, neue Entwicklungen. Denkst du, dass dein Rap von der Zeit in Hamburg beeinflusst worden ist?

Es ist merkwürdig, aber Hamburg hat mich auf kreativer Ebene gar nicht beeinflusst. Ich bin eher noch ein bisschen härter geworden, obwohl die meisten da ja eher einen smoothen Schuh schieben.

In deiner Biografie steht auch, dass du mittlerweile mit deiner Freundin eine Tochter hast und dass du aus familiären Gründen wieder nach Bielefeld zurückgezogen bist. Wenn du jetzt auf die Zeit in Hamburg zurückblickst, welches Fazit würdest du unter dem Strich ziehen?

Wenn ich zurückblicke, war es eine intensive und lehrreiche Zeit. Ich habe gelernt, mich um Dinge zu kümmern, die wichtig sind, aber keinen Spaß machen. Dazu gehörten Behördengänge, Vaterpflichten und die Auseinandersetzung mit dem Thema Business. Durch all die Umstände, die mir dort widerfahren sind, bin ich einfach erwachsener geworden. Wenn man ohne Geld mit Familie in einer Großstadt wohnt, bekommen die Schlagworte "hustlen und strugglen" eine vollkommen andere Dimension.

Jetzt wo du eine Tochter hast, verspürst du da auch Druck, mit Rap etwas erreichen zu müssen, weil du dich um deine Familie kümmern musst?

Damit habe ich aufgehört. Dieser Druck würde mich, die Familie und letztendlich auch meine Musik zerstören. Ich hätte trotzdem nichts dagegen, meine Familie mit Rap ernähren zu können.

Hast du eigentlich noch ein zweites Standbein außer der Musik?

Ich mache ab August die Fachhochschulreife und will dann in die Heilerziehungspflege, um mich um geistig und körperlich behinderte Menschen zu kümmern. Bisher habe ich mich nur um HipHop gekümmert und irgendwelche Kack-Jobs gemacht.

Welche Projekte möchtest du als nächstes angehen?

Ein neues Album ist in der Mache, aber vorher gibt es eine Mix-CD, auf der ich zu bekannten Ami-Beatz rappe. Mit Architekt habe ich eine EP fertiggestellt, die wir bald im kleinen Stil rausbringen werden. Sonst Auftritte.