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Michael Jackson
"Michael"

(Sony Music)

Eine Sache ist völlig klar: Egal, was ich oder sonst jemand in unzähligen Blogs, Zeitungen, Zeitschriften, TV-Sendungen oder auf Webseiten über dieses Album schreibt oder sagt, "Michael" wird sich wie verrückt verkaufen. Das Timing der Veröffentlichung kurz vor Weihnachten ist perfekt gewählt, und es gibt Heerscharen von Jackson-Fans, die sehnsüchtig auf "neue" Songs ihres Idols warten. Natürlich kann man sich jetzt hinstellen und mit Schaum vor dem Mund "Leichenfledderei" schreien. Doch was haben wir erwartet? Jackson war der größte Pop-Star unserer Zeit mit allen negativen und positiven Facetten. Und er war ein fleißiger Mann. Sucht man bei Wikipedia nach unveröffentlichten Titeln des King of Pop, werden über 150 Stücke angezeigt. Es lag also auf der Hand, für die Erben einerseits und für Sony anderseits, die Archive zu öffnen - und Unmengen von Geld zu verdienen. Immerhin lässt sich eines sagen: "Michael" ist nichts, für das sich Jackson bei Lebzeiten hätte schämen müssen.

Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" präsentiert alljährlich eine Liste mit jenen toten Künstlern, mit denen am meisten Geld verdient wurde. Wenig überraschend führt Jackson diese Liste für 2009/2010 an. Satte 275 Millionen Dollar wurden eingenommen. Damit übertrifft der Sänger nicht nur die restlichen neun verstorbenen Künstler, sondern lässt auch die vier lebenden Top-Verdiener Lady Gaga, Beyoncé, Madonna und Jay-Z weit hinter sich. Es ist schon erstaunlich, wie sich das Image des Sängers nach seinem Tod verändert hat. Als er 2005 nach einem Freispruch den Prozess wegen Kindesmissbrauchs überstanden hatte, waren sich alle Medien einig, dass die Anschuldigungen seine Karriere so oder so ruiniert haben. Die Boulevardpresse konzentrierte sich fortan wieder auf sein entstelltes Gesicht und seine finanziellen Schwierigkeiten. An ein Comeback war nicht zu denken. Auch als die geplante Konzertreihe "This is it" in London angekündigt wurde, überwog die Skepsis. Sein plötzlicher Tod sorgte dann für einen Popularitätsschub, der seinesgleichen sucht. Und der kommerzielle Erfolg stand dem in nichts nach. Alben wie "Thriller" oder die Compilation "Number Ones" verkauften sich millionenfach. Der Film "This is it" über die Konzertproben war ebenso ein großer Erfolg. Mit Jackson war und ist also viel Geld zu verdienen. Und dafür, dass das auch weiterhin so bleibt, garantiert ein Deal mit den Erben, den sich Sony angeblich 250 Millionen Dollar kosten lässt. Innerhalb von zehn Jahren sollen sieben "neue" Michael Jackson-Alben auf den Markt kommen.

In der Presse-Abteilung des Labels ist man sich des schalen Beigeschmacks bewusst, den dieser Deal hat. So wird den Medien eine sechsseitige Mitteilung zur Verfügung gestellt, die einerseits detailliert Auskunft über die einzelnen Stücke und deren Entstehungsgeschichte erteilt. Anderseits aber gibt sie Sony die Möglichkeit, die Veröffentlichung selbst zu rechtfertigen. "Recht schnell wurde sowohl den Erben als auch Sony Music bewusst, dass man nicht nur gegenüber Michaels Fans, sondern auch gegenüber Michael selbst eine Verpflichtung hatte, diese großartige Musik nicht in den Archiven verstauben zu lassen", heißt es unter anderem. Und wer sich nun spitzfindig daran erinnert, dass Jackson selbst den Bruch mit Sony vollzogen hatte und sich im Zuge der Veröffentlichung von "Invincible" 2001 insbesondere mit dem früheren Label-Boss Tommy Mottota überworfen hatte, wird in der Pressemitteilung darüber informiert, dass Jackson zu der neuen Führung eine gute Beziehung entwickelt habe, die unter anderem in der Veröffentlichung von "Thriller 25" gipfelte. Ob das stimmt oder nicht, lässt sich nicht verifizieren. Fakt ist: Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Jackson keinen neuen Plattenvertrag, weder mit Sony, noch mit einem anderen Label.

Für die Veröffentlichung von "Michael" wurden zehn Songs ausgesucht, die zwischen circa 1982 und 2009 entstanden. In welchem Stadium sie waren, bevor Produzenten wie Teddy Riley und Tricky Stewart oder Nachlassverwalter John McClain mit der Überarbeitung begannen, bleibt im Dunkeln. Ebenso ist nicht mehr zu klären, ob Jackson, der als Perfektionist galt, überhaupt wollte, dass sie erscheinen. Nur einer der zehn Titel war zuvor schon einmal offiziell erschienen. Das zu poppige "(I like) The way you love me" gehörte 2004 zu den Raritäten des Box-Sets "The ultimate collection" und ist jetzt einer der schwächsten Tracks auf "Michael". Auch "Best of joy", der laut Sony-Info zu den letzten Stücken gehörte, an denen Jackson arbeitete, leidet unter zu zu viel Sirup, zeigt aber immerhin, dass seine gesanglichen Qualitäten und seine Art des Harmonie-Gesangs noch immer vorhanden waren. Wenig klug von Sony war es, "Breaking news" als ersten Song von "Michael" vorzustellen. Das Terrain der Kritik an den Boulevardmedien hatte der Sänger schon zu Lebzeiten ausreichend abgedeckt. "Breaking news" überzeugt deshalb textlich nicht und zeigt trotz eines angeblichen Aufnahmejahrs 2007 auch musikalisch Schwächen mit einem Drumsound, der sich seit "Invincible" nicht weiterentwickelt hatte. Dass sich das Label zudem angesichts des Gesangs mit Vorwürfen konfrontiert sah, hier singe nicht Jackson, sondern ein Stimmenimitator, macht die Sache auch nicht besser.

Mit den restlichen sieben Titeln bewies man ein besseres Händchen. Alleine die drei Höhepunkte zeigen die Vielseitigkeit des Musikers. So entwickelt sich "Keep your head up" zu einer aufmunternd-naiven Powerballade mit der Botschaft "All you need is love", die mit Unterstützung eines Gospelchores kraftvoll vorgetragen wird und in eine Kategorie mit Klassikern wie "Man in the mirror" oder "Earth song" gehört. Seine vielfach gezeigte Affinität für Rockmusik wird hier repräsentiert durch "(I can't make it) Another day", das Lenny Kravitz schrieb und produzierte und für das Dave Grohl (Foo Fighters) am Schlagzeug saß. Und als drittes das abschließende "Much too soon", das ganz simpel als Ballade mit Akustikgitarre, Streichern und Akkordeon daherkommt. Dieser Titel stammt angeblich aus der "Thriller"-Ära, hat laut Sony aber nie auf ein folgendes Album gepasst. Erwähnenswert ist zudem eine Rarität bei Jackson, eine Coverversion. Der Song "Behind the mask" war ursprünglich ein Instrumental der Band Yellow magic orchestra. Produzent Quincy Jones hörte ihn während der "Thriller"-Sessions, schlug ihn Jackson vor, der daraufhin mit Erlaubnis des Komponisten Ryuchi Sakamoto einen Text schrieb und die Nummer einspielte. Aus rechtlichen Gründen blieb sie unveröffentlicht. Allerdings hatte Jackson seine Hände als Arrangeur im Spiel, als sein langjähriger Keyboarder Greg Phillinganes die Nummer 1984 für sein Album "Pulse" aufnahm. Auf "Michael" hört man dem mit unnötiger Live-Atmosphäre gepimpten Track jedoch sein Alter an.

Neben der Kravitz-Nummer gibt es zwei weitere Features. Die aktuelle Single "Hold my hand" mit Akon gibt einen Vorgeschmack darauf, wie ein lebender Jackson 2010 wohl geklungen hätte. Die Nummer ist ein nettes Pop-Liedchen mit zeit-typischem Beat und Keyboards-Sounds, aber immerhin besser als das meiste, was Akon alleine verbricht. Dritter Gast ist Rapper 50 Cent bei "Monster", das entgegen dem Titel kein Update zu "Thriller" oder "Ghosts" ist, sondern die xte Medienkritik zu Musik. Immerhin schafften es die Produzenten Teddy Riley und Angelikson, paranoide Zeilen wie "Why are you stalking me, why are you haunting me?" mit allerlei Effekten und einem stampfenden Beat zu unterlegen und zu einem halbwegs interessanten Song zu machen.

Was bleibt am Ende? Ein Album, dessen Veröffentlichung musikalische Partner wie Quincy Jones und will.i.am heftig kritisiert haben. Ein Album, für dessen Existenz sich die Plattenfirma rechtfertigen und dessen Authentizität sie belegen muss. Ein Album, das versucht, alles stilistisch von Jackson gewohnte abzudecken. Und schließlich ein Album, das eindeutig nicht mit seinen Klassikern mithalten kann, aber auch nichts ist, was an seinem Status kratzt. Das erwartete kommerzielle Ziel wird definitiv erreicht. Und - leider - geht es nur darum. Jackson wird als "Gelddruckmaschine" für die Plattenfirma und die Erben noch die nächsten neun Jahre und sicherlich weit darüber hinaus funktionieren. Bei einem anderen King, Elvis Presley, ist vorexerziert worden, wie das geht.

Volker

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