Kopfsport "Hart aber herzlich" (Loopdepartment / Sony)
Deutscher Rap will Elektro werden - aber das leichte Mädchen weiß, abgesehen von Prinz Pi und Marteria, wieder mal nicht wie. Wen wundert's. Schließlich hat's schon mit dem Ghetto-Sein nicht hingehauen. Und da melden sich zwischen aufgepumpten Anabolika-Stiernacken-Türstehern und Fitness-Fanatikern in Alpha-Jacken, Hipsters in zu engen Jeans, Selfmade-Zuhältern mit Haarausfall, aggrossiven Berliner Brüllaffen und einem Multi-Millionär aus Tempelhof, der neuerdings auf tschechische Tontechniker schwört (Badesalz, irgendjemand?), drei Mother-Fugger aus Augsburg mit einem Rucksack voller Samples und gutem, altem Boombap-Rap und fragen: "Wer hat das Zahnrad im Kopf und ist mit Rap liiert? Wer hat so klare Aussagen, dass jeder Depp kapiert: Das hier ist Seelenmusik, die Scheiße konterkariert, und dabei ehrlich bleibt, wie es heute nur noch selten passiert..."
Daster, Menace, DJ First Strike - allesamt keine Jungspunde mehr. In Sachen HipHop haben die drei schon einiges durch. Jams rocken, Wände bemalen, Platten drehen. Was man halt so macht, wenn einen die Kultur bis in die Haarspitzen infiziert hat. Kein Wunder, dass die Jungs nach all den Jahren gleich zu Beginn mit "Heiliger Rasen" eine ziemlich dezidierte Beschreibung dessen abliefern, was in den nächsten 47 Minuten Masse ist: "Das ist Bier gegen Kälte, das ist B.I.G., das war nie nur halbes Herz, nie V.I.P. Das ist Stehen im Regen und kein Wichsen im Sitzen, das ist Hass auf dem Zaun, beim Tor die Plörre verspritzen. Das ist immer Gas zu geben, auch auf Asche und Sand, das sind kulturelle Reisen kreuz und quer durch das Land. Das ist dann zu supporten, wenn Deine Mannschaft Dich braucht, mitzuleiden, mitzufeiern mit 'nem Kribbeln im Bauch." Fußballmetaphorik trifft HipHop-Beat. Und zwar mit Vollspann in den Winkel.
Und um gleich im Bild zu bleiben: Blutgrätschen und Gras fressen, das können Daster und Menace. Destilliert man die Kernaussagen aus den Hooks, dann klingt das nämlich schwer nach Mark van Bommel statt Franck Ribery, nach Sebastian Kehl statt Tamás Hajnal: "Wir sind wieder da, waren hier und da, immer wieder nah am Ziel, doch blieben wir am Start" (aus "Hart aber herzlich). Oder: "Es dreht sich echt nicht alles nur um Dich, die Welt dreht sich nicht anders ohne mich" (aus "Ich & Ich"). Oder: "Es geht um Auf und Abs und um Hin und Hers, Du musst nur brav in Deinem Leben streben - danke, das wär's. Sagt: Fuck you I won't do what you tell me" (aus "Klarsicht"). Oder: "Kein Schwarz ohne Weiß, heiß ohne kalt, jung ohne alt, grüne Lunge ohne Asphalt" (aus "Schiffschaukel"). N'Abend allerseits, das ist kein Spiel gegen den Ball.
Doch: Galama, Galama. Denn das Album gewinnt mit jeder Rotation im CD-Spieler. Weil die Texte eben nicht nur ehrlich, sondern vor allem persönlich und, ja, auch intelligent sind. Und Standpunkte und Erlebtes nicht nach Schema F abgenudelt werden. Da gibt es das mit einem Diana-Ross-Sample ("Reflections"), Streichern, Trompeten und Chimes pathetisch tapezierte, nachdenkliche "Carpe diem", ebenso eine Reverenz an diejenigen, die man liebt und denen man vertraut, wie das etwas düstere "Teil meines Plans", das mit akustischer Gitarre unterlegte "Schiffschaukel" über das Auf und Ab im Leben oder das kämpferische Daster-Solo "Rote Zahlen". Mit Bushido-Gedächtnis-Sample aus Yann Tiersens "Die fabelhafte Welt der Amelie" ("J'y suis jamais allé") und der ein oder anderen Erkenntnis biegt "Ich & Ich" um die Ecke. Daster und Menace sind zwar nicht gemein wie zehn, doch wenn ihnen mal was quer liegt, kann's auch mal wütend werden wie in "Klarsicht". Unterm Strich eben "Rap mit Niveau, mit Kopf, mit Soul und trotzdem Yo!"
Die Kopfsport-Jungs sind in den 90ern verwurzelt, aber nicht hängen geblieben, sie verzichten auf die Deklination gängiger Dogmen. Stattdessen gibt es Bierbudenpoesie, "HipHop ist halbtot, aber geht ab wie Sau"-Attitüde und auch ohne Penis Rap mit ganz dicken Eiern in der Hose. "Hart aber herzlich" ist wie eine alte, abgewetzte Lieblingsjeans - Vintage, used, superbequem, aber auch mit ein paar Macken. Und kommt trotzdem nie aus der Mode.
Christian
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