Wortsport - "Wortsport Lounge - Der Sampler"
Der eine spielt gerne Fußball. Der andere lieber Basketball. Und der nächste ist Weltmeister im Taschenbillard. Und dann gibts noch diejenigen, die Wortsport treiben. So wie das gleichnamige Künstlerkollektiv aus Heilbronn, das sich jetzt mit einem Sampler an die Öffentlichkeit wagt. Seit zehn Jahren gibt es Wortsport. Vor sechs Jahren startete ihre monatliche Partyreihe. Der Name der Tanzveranstaltung: "Wortsport::Lounge". Vor zwei Jahren wurde aus dem Kollektiv ein Label. Der gerade erschienene Silberling will aber mehr sein als die Platte zur gleichnamigen Lounge. Er soll vielmehr das erste Lebenszeichen eines dynamischen Netzwerks mit den Eckpfeilern München, Leipzig, Berlin, Köln, Stuttgart und Heilbronn sein. Neben den labeleigenen Künstlern Jaq & Dex, Elemental Force, Couchos, DennisDaMenace und Fleisz sind Gäste vertreten wie Morlockk Dilemma, Maeckes, Huss und Hodn, Damion Davis, V.Mann, Creme Fresh oder Marcello. Die meisten Produktionen stammen von Dexter, der bereits einiges fürs Morlockk-Dilemma-Album "Omnipotenz in D-Moll" geschraubt hat, und von V.Raeter (Spokenview, Berlin). Wir haben uns mit den Wortsport-Machern unterhalten - etwa darüber, warum man nach einer Wortsport-Party geil nach Hause geht, nach der Produktion eines Samples aber nicht, über die Klasse von 95, blinde Plattenkäufe und - natürlich - die Arbeiten rund um den Sampler. Auf www.wortsport.com gibt es weitere relevante Informationen rund die Jungs aus Heilbronn.
Snippet und Tracklisting
01. DJ Scientist & DJ Snatchatec - Intro
02. Jaq & Dex - Steig ein
03. Creme Fresh - Werd Rapper
04. Huss und Hodn - All because of cash Pt.2
05. Damion Davis - Hallelujah!
06. Sichtbeton - Steinwurf
07. Dexter, Jaques, Dennis, Zeal - 95
08. V.Mann & Morlockk Dilemma - Dirty Remix
09. DJ Kit (feat. Officer Bronco & Brad Pitch) - Piss die Wand an
10. Couchos - Deutscher Herapst Pt.2
11. Sir Serch - Dilemmas Tyrannei
12. Morlockk Dilemma - Smalltalk
13. V.Raeter - Mit dem Lada in die Bronx
14. Elemental Force - I löf Emf
15. Fleisz - Mal so, mal so
16. Maeckes - Ausgeschilderte Irrwege
17. Zeal, Marcello, Damion Davis - Geduldspiel
18. Dennis Da Menace - Atem
19. DJ Arok - Innerer Konflikt
20. Meni & Deve - Warum nicht
21. V.Raeter - Kleine Stadt
22. Freidenker (feat.Jaques sHURE) - Fremder
23. Borito & Espulse (feat.Sono) - Sterne
24. Focktown - Nichts Neues
25. DJ Scientist & DJ Snatchatec - Outro
Snippet: >> "Wortsport Lounge - Der Sampler" <<
Interview
Seit zehn Jahren gibt es das Künstler-Kollektiv Wortsport, seit sechs Jahren die gleichnamige Party-Reihe und seit zwei Jahren das Label. Um jetzt mal nicht im Schweinsgalopp durch eure Historie zu joggen: Schildert doch selbst, wie ihr die Entwicklung in den vergangenen Jahren wahrgenommen habt...
Jaques sHURE
Es hat sich alles wegentwickelt von der Kultur, die wir kennengelernt haben. Vom Außenseiter in der Schule mit "komischen" Klamotten hin zu einem omnipräsenten Business-Mediending. Aber wir lieben das Ganze immer noch und versuchen, die Fahne mit unseren Werten und Vorstellungen hochzuhalten und zu repräsentieren. Was unsere Entwicklung betrifft, sind wir vom sprühenden, bekiftten Jamgänger mutiert zum organisierten, besoffenen, labelbetreibenden Künstlerkollektiv.
Dexter
In meinen Augen war alles, was wir bis jetzt gemacht haben, so "Steter Tropfen höhlt den Stein"-mäßig. Also, auch wenn es nicht immer Unmengen an Output gab, hat jeder doch für sich gearbeitet und die Vorarbeit für das geleistet, was Wortsport heute ist und in Zukunft sein wird.
Julian
Wir sind eben aus Heilbronn. Einer Stadt, die nicht unbedingt für HipHop steht. Von daher gab es keine Strukturen, die wir hätten nutzen können. So haben wir die vergangenen Jahre in erster Linie dafür genutzt, diese aufzubauen und uns zu entwickeln. So nach dem Motto "Schaffe, schaffe Häusle baue". Wir können übrigens sogar Hochdeutsch - akzentfrei. [Gelächter]
Interessant sind in dem Fall ja die Momente, in denen sich was getan beziehungsweise verändert hat. Waren das für euch folgerichtige Schritte vom Musik machen hin zur Party und schließlich hin zum Label?
Ed
Ja, ganz klar. Es war eine logische Entwicklung, dass wir jetzt an diesem Punkt sind. Wir haben ja von Anfang an - seit 1999 - unsere Tapes und CDs rausgebracht. Mit kleiner Auflage und regional begrenzt, aber das waren Releases, mit denen wir ein kleines finanzielles Polster geschaffen und vor allem dazu gelernt haben - künstlerisch wie von der Businessseite her. Dass man nebenher noch eine Partyreihe startet, gehörte auch zum Konzept, und dass es jetzt "etwas" länger gedauert hat, bis wir national vertrieben werden… na gut…, "Gut Ding will halt Weile haben". [lacht: Wir sind ja voll die Phrasendrescher.] Jeder von uns macht ja auch noch andere Sachen außer Musik… wobei, eigentlich hat das doch alles miteinander zu tun.
Jaques sHURE
Die Party lief eben nebenher und hat uns so ein Studio und Geräte finanziert. Mittlerweile hat sie sich erfolgreich verselbstständigt. Der Schritt zum Label war nur eine Frage der Zeit, um unseren Stuff in völliger Eigenregie, ohne dass wir aus Marketinggründen zu große T-Shirts hätten anziehen müssen, an den Mann zu bringen ... Eigentlich war es nur wegen der T-Shirts.
Dexter
Ich konnte mir eigentlich nie vorstellen, ein Label zu betreiben, da ich nämlich in solchen Dingen ein Schisser bin. Aber da wir Wortsport auf einem sehr vernünftigen Level halten, gute Connections haben und ich für das Finanzielle nicht zuständig bin [lacht], scheint es der richtige Schritt gewesen zu sein. Es mögen vielleicht schon viele vor mir gesagt haben, aber es ist und bleibt einfach das Geilste, wenn du alles selber entscheiden kannst, was natürlich auch 'ne Menge Verantwortung und Arbeit mit sich bringt.
Lasst uns erst mal über den Sampler reden, euer aktuelles Projekt. Er soll laut Presse-Waschzettel mehr sein "als die Platte zur gleichnamigen Lounge". Warum ist er das aus eurer Sicht?
Julian
Beim nächsten Mal überlege ich mir besser, was ich da schreibe. Ernsthaft, die Party ist trotz großartiger Gäste wie Olli Banjo, Torch oder den Stiebers immer eher ein regionales Ding gewesen. Liegt ja auf der Hand. Mit dem Sampler würden wir schon ganz gerne auch deutschlandweit wahrgenommen werden. Wenn uns jemand in Österreich oder der Schweiz mag, begrüßen wir das natürlich auch. Außerdem, es ist ja jetzt schon mehr, oder würdest du uns interviewen, wenn wir "nur" Organisatoren einer Party wären?
Wahrscheinlich nicht...
Jaques sHURE
Party zu machen, ist einfach. Bier trinken, rauchen, Frauen auf den Arsch schauen, geil werden, heimgehen. Einen Sampler zu machen, ist ein anderes Kaliber. Bier trinken, Leute anschreiben, Vertriebe abchecken, einer Meinung sein, Grafik machen, Promotrommel rühren und dann heimgehen ohne geil zu sein.
Ihr sagt, ihr möchtet ein bis dato relativ unbekanntes Label mit dem Rest von HipHop-Deutschland verbinden. Habt ihr euch zu Beginn der Arbeiten darüber unterhalten, welchen Flavour der Sampler transportieren soll?
Dexter
Flavour of Löf.
Jaques sHURE
"I'm kickin' brand new flavour in your ear". Wir wollten einfach ein Stück Authentizität auf CD brennen, eine Momentaufnahme von dem, was für uns HipHop bedeutet und anscheinend auch für andere Leute aus diesem Land. Da kommt der Flavour dann von ganz alleine.
Julian
Wie sind bei der Auswahl der Künstler einfach nur unserem persönlichen Geschmack gefolgt. Ich glaube, deshalb ist der Sampler vom Klang auch so homogen.
Gibt es ein oder vielleicht auch mehrere Stücke, die genau das repräsentieren, was ihr als Wortsport darstellen möchtet?
Dexter
Das ist schwer. In erster Linie sind wir ja ein Künstlerkollektiv, bei dem jeder seine Seite ausleben kann und soll. Für mich persönlich sind Stücke wie "Steig ein" von Jaques und mir oder "I löf Emf" von Elemental Force repräsentativ, da beide soundtechnisch genau nach meinem Geschmack sind. Ich steh' einfach auf verschobene Drum-Patterns, Kompressor und obskure Samples, die dreckig sind. Ich mache da auch kein Geheimnis draus, dass ich mich gern von Dilla, Madlib oder Jneiro Jarel inspirieren lasse.
Jaques sHURE
"95"! Das Ding beschreibt genau die Gratwanderung von unseren Helden und Vorstellungen damals und dem heutigen Bild von HipHop... reminizm that shit. Wenn ich an 95 denke, muss ich fast heulen, weil ich damals alles so geil fand. Die Reime, die Beats, ich konnte so viel auswendig, heute ist das nur noch schwer möglich, liegt teilweise aber auch an mir und meiner verbitterten Rap-Rentner-Einstellung. Morlockk und V.Mann rappen leider zu schnell, um mitzurappen.
Julian
Vom Prinzip her müsste ich "Geduldspiel" sagen, obwohl ich das Lied heute nicht mehr ganz so krass feier wie anfangs. Trotzdem, da hast du Leute aus Heilbronn - mich - und aus Berlin - Damion und Marcello - auf einem Dexter-Beeat. Im Pressetext ist ja auch die Rede von einem Netzwerk zwischen den Städten. Ich würde sagen, dieses Lied spiegelt das wider. Vom Sound und der Aussage her, würde ich auch "95" nennen.
Habt ihr alle Songs gleich genommen? Oder gab es auch mal Diskussionen und unterschiedliche Meinungen beziehungsweise gingen Songs zurück?
Jaques sHURE
Es gab teilweise heftige Diskussionen, ein paar Tracks sind dann auch wieder geflogen. Ich hasse genau drei Tracks auf dem Sampler, die Dexter zum Beispiel liebt. Aber in der Summe ist alles allright.
Ihr habt euch dafür entschieden, die Beiträge eurer Wortsport-Künstler mit Songs anderer Rapper aufzulockern. Habt ihr bei der Zusammenstellung mal Bedenken gehabt, dass die Leute hinterher erst mal nur auf die Tracks von beispielweise Morlockk Dilemma, Maeckes oder Damion Davis achten?
Jaques sHURE
Die Tracks von uns sind taktisch so gut dazwischen gelegt, dass die Leute, die anderen namhaften Künstler schnell vergessen werden und erkennen, dass sowieso alles ein einziges Stimmenimitat von Dexter und mir ist. Ja, wir haben alle Künstler imitiert, auch die Scratches.
Dexter
Im Ernst. Diese Bedenken bestehen nach wie vor. Aber ich bin mir sicher, dass die Leute beim Durchhören auch die Qualität unserer Sachen bemerken werden und wir Hörer dazugewinnen können.
Julian
Die Vielfalt der Künstler macht ja einen Sampler aus. Das ist immer die Stärke und Schwäche von so 'nem Teil. Meistens werden solche Compilations zu Ladenhütern, weil die verschiedenen Künstler einen unterschiedlichen Sound machen, unterschiedliche Fans haben und man einem Head nur schwer erklären kann, warum er für "einen" Song, den er mag, 13 Euro ausgeben soll. Außerdem sind auf vielen Samplern extrem langweilige Representer-Tracks drauf. Da wird nicht mal richtig gebattlet. Aus diesem Grund haben wir das im Vorfeld mit den Künstlern abgestimmt. Wir hatten sogar eine "Anleitung", da stand drin, dass wir keine "Wir-sind-back" oder "Yeah-Homie-Tracks" wollen, wenn du verstehst, was ich meine. Es ist ja auch so, dass sich der Sound und die Attitude zumindest im Ansatz ähneln, und deshalb glaube ich, dass wir auch den Geschmack von Fans von Dilemma, Damion Davis oder Huss und Hodn treffen können.
Seht ihr Schnittstellen zwischen euch und den externen Künstlern? Will sagen: Denkt ihr, dass Leute, die beispielsweise V.Mann, Morlockk Dilemma, Damion Davis oder V.Raeter hören, auch was mit euch Wortsport-Jungs anfangen können?
Dexter
Ich gehe mal stark davon aus. Klar, Morlockk Dilemma ist ein krasses Ausnahmetalent, mit dem man sich nicht so einfach auf eine Stufe stellen kann. Genauso Damion oder V.Mann. Andererseits habe ich mit ihnen allen schon zusammen Musik gemacht. Außerdem ist V.Raeter sowieso mein Produktionsbruder im Geiste. Wir feiern ähnlichen Sound, wir machen ähnlichen Sound, deswegen werden diese Hörer auch unser Zeug feiern können.
Julian
Von Dilemma weiß ich, dass er den Sampler mag, immerhin hat er ein Snippet gehostet und zwei Tracks beigesteuert. V.Raeter mag den Sampler schon deshalb, weil er in dieses Ding stark involviert war. Ich habe ihn genervt, er hat Marcello und Damion genervt, damit die ihre Parts aufnehmen. Super Sache, denn als die Tracks da waren, begann ja die eigentliche Warterei, weil wir lange keinen Vertrieb fanden. Dann hatten wir einen, dann hat der zugemacht. Hammer.
In "95" beschreibt ihr, wie stark euch der 90er US-Rap beziehungsweise Sachen wie RAG geprägt haben. Ist das auch der Kit, der euch zusammenhält?
Ed
Naja, das würde ich nicht ganz so sagen. Natürlich haben uns diese Sachen geprägt. Es waren einfach die Künstler, mit denen es bei uns angefangen hat. Die waren damals präsent, wenn man sich intensiver mit Rapmusik beschäftigt hat. Aber inzwischen hat jeder von uns einen etwas anderen Geschmack. Die Künstler von damals können wir heute aber auch noch alle feiern! Dass man eine ähnliche "HipHop-Sozialisation" durchlaufen hat, ist sicherlich das Verbindende.
Dexter
Wir rennen jetzt ja auch nicht jeden Tag rum und brüllen "95 war der Shit" und alles andere ist Kacke. Aber wir sind damit aufgewachsen, und dieser Ära wollten wir mit diesem Track einfach Tribut zollen.
Julian
Wir sind jetzt keine HipHop-Nostalgiker, die früher alles toll fanden und heute alles wack. Ich habe auch keine Probleme mit der sogenannten Industrie. Egal ob 1995 oder 2095, wenn Musik dope ist, ist sie dope. Natürlich neigt der Mensch dazu, zu glorifizieren, was früher war. Da gibt es ja ganze Theorien dazu, warum das so ist. Liegt wohl in der menschlichen Natur.
Als ich "95" gehört habe, ist mir irgendwie wieder eingefallen, dass es in Deutschland ja mal eine "Klasse von 95" gab, samt CD, mit den ganzen Hamburgern wie Fettes Brot, den Massiven Tönen, MC René, Main Concept, den Coolen Säuen oder RAID. Verbindet ihr da auch was mit?
Ed
Ja, natürlich. Das waren die Deutschrap-Künstler - außer den Fantas und RHP, die zu der Zeit aktiv waren. Ich habe die gefeiert wie der Großteil von uns auch.
Dexter
Wie du vielleicht an meinem Part bei "95" hören kannst, erwähne ich keinen deutschen MC. Das liegt aber nicht daran, dass ich die nicht gefeiert habe. Die "Kopfnicker"-LP von den Massiven habe ich gepumpt ohne Ende, was auch daran lag, dass sie Stuttgarter waren. Aber die Klasse von 95 hat mich in meiner musikalischen Entwicklung überhaupt nicht geprägt. Ich hab Sachen wie Wu-Tang, Onyx, Pharcyde oder Mobb Deep eben einfach tausendmal lieber gehört.
Laut Juice gibt es jetzt eine Klasse von 2007, der Begriff fiel kürzlich auch in einem Interview von Falk mit Olli Banjo für Mixery Raw Deluxe. Subsummiert darunter werden auch Morlockk Dilemma oder Huss und Hodn. Wie seht ihr das? Gibt's so was wie eine Klasse von 2007?
Jaques sHURE
Ja, kann schon sein... Wobei, heute gibt es so viele Gruppen, das wäre keine Klasse mehr, sondern eine ganze Stufe. Dafür müssten die ganzen Gruppen erstmal gemeinsam auf Tour gehen. Tun sie aber nicht.
Julian
Also ich würde das sofort unterschreiben. Auch wenn ich uns da noch nicht dazu zähle, um das an dieser Stelle mal klar zu sagen. Es gibt mittlerweile in ganz Deutschland wieder eine Menge Leute, die aus dem langweiligen Helm-Hoe-Homo-Gerappe etwas Spannendes, Eigenes gemacht haben.
Um noch mal auf "95" zurückzukommen: Hättet ihr das Gefühl gerne wieder, Platten blind zu kaufen, einfach weil man so euphorisch ist und weil einem fast alles gefällt, was rauskommt?
Dexter
Nein, Mann. Versteh' mich nicht falsch, ich liebe meine Vinylsammlung, die immer noch stetig wächst, aber da ist auch der ein oder andere Bullshit dabei, den ich wahrscheinlich nie gekauft hätte, wenn ich vorher mal reingehört hätte. Ich bin froh, dass ich jetzt mündig bin [lacht] und mir immer genau überlege, was mein Geldbeutel verkraftet und was nicht. Muss mir sowieso endlich mal das Scratch Live zulegen. Du siehst, selbst ich verkomme in der digitalen Welt. Auch wenn das jeder sagt, aber keiner macht: Platten kauf' ich mir weiterhin.
Jaques sHURE
Ja, schon. Wenn die Stiebers oder Aphroe oder STF was rausbringen, dann kaufe ich das auch blind. Wenn ich das beim Rest auch machen wüde, wär' ich jetzt 'n broke ass motherfucker und enttäuscht, dass ich mir irgendeinen hohlen Scheiß gekauft hab'.
Ed
Ja! Wobei, vielleicht lag das damals auch an unserer jugendlichen Naivität, und heute sind wir einfach zu geizig und ignorant.
Julian
Ich habe mir einmal blind Platten gekauft. Das war aber nach '95. Wenn ich mich recht entsinne, waren das das EinsZwo-Album und irgendwas von Gangstarr. Habe ich nicht bereut, würde ich aber nicht mehr machen. Ich höre mir heute alles vorher an. Irgendwelche Helden von früher blind zu kaufen, wäre mir auch zu dogmatisch. Wenn ich überlege, wie viele Leute ich früher geil fand und heute gar nicht mehr beachte...
Kann man heute Rap-Musik machen, die den Vibe von damals in sich trägt, die in dem verortet ist, was man selbst gut fand, ohne dass sie angestaubt oder kopiert oder revisionistisch klingt?
Jaques sHURE
Ja, Mann. Man sollte dabei bloß nicht immer den Früher-war-alles-besser-Zeigefinger erheben...
Dexter
Hör' dir Huss und Hodn an, oder V.Manns "Fragmente". Dann erklärt sich die Frage von selbst.
Dexter, Du hast einiges für den Sampler produziert, der ein oder andere wird auch bemerkt haben, dass Du auch Morlockk Dilemma für sein "Omnipotenz in D-Moll" etwas rübergeflankt hast. Was ist Dir wichtig, wenn Du Beats baust? Worauf achtest Du besonders?
Dexter
Ich achte vor allem auf die Samples. Ein Sample kann in mir ein bestimmtes Gefühl hervorrufen. Kein Witz, ich werde manchmal sehr melancholisch, wenn ich ein krasses Sample finde. Teilweise ist es sogar so, dass ich nur ein Viertel von einem Takt loope und mir den stundenlang anhöre, ohne was dabei zu tun. Oft reicht das für einen Beat. Ein Beat muss nicht viel haben, so lange er ein bestimmtes Gefühl transportiert. Und den Compressor großzügig draufknallt. Ach ja: cleane Beats sind - bis auf wenige Ausnahmen - überhaupt nicht mein Ding, egal, wie fett die Bassdrum ist.
Huss und Hodn werden momentan gefeiert für das, was sie machen. Und auch die Beats, die Morlockk Dilemma am Start hat, kommen bei so manchem Kritiker ebenfalls positiv an. Denkst Du, es könnte mitten im Synthie-Tamm-Tamm so was wie eine Art Revival für Oldschool-lastige Beats geben?
Dexter
Kommt drauf an, was du unter Synthie-Tamm-Tamm verstehst. Neptunes oder Timbaland haben die Snyths wieder auf eine tolle Art und Weise in den Rap gebracht. Aber sobald es halt nach Zwei-Finger-Cheap-Sound-Produktionen klingt, wo man noch eben 'ne 808-Clap dazubaut, dann könnte ich schon manchmal kotzen. Oder diese ganzen pseudomonumentalen, pompösen sogenannten "Synthiebretter", die hart rüberkommen sollen, kann ich mir einfach nicht geben. Aber das Schlimmste ist dieses "Sternenstaubgeräusch", ich weiß nicht mal, was das für ein Instrument ist, aber es sollte verboten werden! Äh, wie war die Frage?
Julian
Die Frage geht eigentlich an Dexter, aber ich hätte da auch mal was dazu zu sagen. Ich finde, dass weder Huss und Hodn noch Dilemma oldschool-lastige Beats haben. Ich meine Oldschool sind immer noch die Sugarhill Gang oder Grandmaster Flash. Da klingen die Beats dann auch wieder 'n bisschen anders.
Ok, das stimmt schon... Wie sind denn eigentlich die ganzen Kontakte zustande gekommen? Und woher kommt der scheinbar doch sehr gute Kontakt zu den Berliner Jungs von Spoken View, die fast mit dem kompletten Roster dabei sind, und die Leipzig-Fraktion von Snuff Pro?
Julian
Die Frage geht wohl an mich. Also, 2005 habe ich Marcello in Berlin kennen gelernt. Etwa ein Jahr später habe ich bei V.Raeter angerufen, weil ich was von ihm in meiner damaligen Radioshow spielen wollte. Irgendwann meldete er sich bei mir, weil er wiederum irgendetwas wissen wollte. Wir haben uns dann lange über Rap und die Welt unterhalten. Heute haben wir sehr häufig Kontakt und reden mehr über die Welt, Freunde eben. Die anderen Berliner und Dilemma haben wir bei der Kuckhear Tour 2007 kennen gelernt. Der Kontakt zu Huss und Hodn kam über ein harmloses Anschreiben, nachdem ich das Snippet zu ihrem Halb-Klassiker "Jetzt schämst du dich" zu Tode gefeiert habe.
Rapper gelten ja nicht als besonders zuverlässig, wenn es darum geht, Termine und Deadlines einzuhalten. War es mühsam, alle externen Songs pünktlich vorliegen zu haben?
Jaques sHURE
Man muss auf jeden Fall lernen, Geduld zu haben, sich nicht zu stressen, sich dann doch zu stressen, sich nicht gegenseitig zu stressen. Schwierig ist das alles sowieso.
Dexter
Da kann man eigentlich keinem einen Vorwurf machen. Alle Tracks waren zum geplanten Releasedate letzten Sommer da, aber wir hatten noch keinen Vertrieb. Deswegen waren eigentlich wir diejenigen, die die "Deadline" nicht eingehalten haben. Insgesamt gesehen war das aber für den Sampler ganz gut so.
Gibt's irgendwelche launigen Anekdoten, die man jetzt und hier mal zum Besten geben könnte?
Julian
Die gibt es, aber ich bin ein schlechter Geschichtenerzähler. Wenn ihr micht seht: Ruft euren Jungen. Ich bin der mit dem langen weißen Rauschebart.
Bei wem von euch liefen denn die Fäden zusammen? Und wie war es, sich um die ganzen Planungen und den Organisationskram zu kümmern?
Julian
Bei mir. Aber wenn es um Tracks ging, habe ich das an Dexter weitergeleitet. Die endgültigen Entscheidungen haben wir dann im Team zusammen mit Ed besprochen.
Apropos Organisationskram: Ihr habt mittlerweile auch euer Label am Start. Was ist aus eurer Sicht das Wichtigste, das man lernen muss, wenn man sein eigenes Label betreibt? Und was war vielleicht die komplizierteste, schwierigste Sache, die ihr euch aneignen musstet?
Ed
Geduld haben.
Julian
Kompromisse eingehen. Ganz ehrlich, ich bin da ziemlich festgefahren und habe wahrscheinlich auch ein ziemliches Ego. [Ed lacht und nickt zustimmend]
Wie sind denn bei euch die einzelnen Jobs verteilt? Welches Know-how bringt ihr mit?
Ed
Julian ist der Pressehengst. Er ist die Schreibkraft und nervt Leute mit Emails… Und dann nervt er mich mit unzähligen Anrufen... Meine Freundin ist schon ganz eifersüchtig. [lacht] Nein, er arbeitet ja bereits als Journalist, hat dadurch schon einige Kontakte und ist somit prädestiniert für das Presse- und Promogedöns. Ich bring' die Geduld mit.
Julian
Ed zeichnet sich dadurch aus, dass er nie ans Telefon geht. Außerdem jauchze ich immer auf, wenn mein Handy ganz kurz klingelt, denn dann hat Ed wieder irgendwas und will, dass ich ihn zurückrufe. [Anm.: Julian hat eine Flatrate... Wie überraschend...] Er ist eben der Mann, der die Übersicht hat, die Kohle verwaltet und den bürokratischen Scheiß erledigen darf. Außerdem muss man an dieser Stelle Hagen erwähnen, der unsere Videos gemacht hat und da viele Stunden reingesteckt hat. Außerdem Obiwan, der auch Videos macht. Danke an beide. Dafür kommt ihr in den Himmel.
Jaques sHURE
Ich bin Pixelhure und gemeinsam mit Hagen Wortsport-Grafiker. Außerdem Featurefotze und graffiti-writender Wochenendrapper.
In der Pressemitteilung war zu lesen, dass der entscheidende Tipp von den Kölner Kollegen von Entourage Business kam, als ihr Probleme hattet, einen Vertrieb zu finden. Welche Schwierigkeiten sind euch denn über den Weg gelaufen?
Ed
Als kleine Deutschrap-Klitsche hat man es einfach schwerer, Gehör zu finden, wenn man einen Sound macht, der etwas abseits vom kommerziell Erfolgreichen liegt.
Julian
Nun ja, es gab da auch mal einen anderen Vertrieb, der zugemacht hat, ohne den Leuten, die einen unterschriftsreifen Vertrag vorliegen hatten, davon zu erzählen... An dieser Stelle noch mal Danke an Puetz für die ganzen Tipps und Hinweise. Und an Ben von unserem jetzigen Vertrieb für die schnelle Zusage.
Und? Zufrieden jetzt mit dem Ergebnis?
Dexter
Ich bin sehr zufrieden. Aber da ich viele Tracks produziert und gemischt habe sowie nächtelang das Mastering beaufsichtigt habe, verliert man die Objektivität. Ich hoffe, dass ich die in ein paar Wochen zurückgewinne.
Jaques sHURE
Jihad! Den Sampler gibt's in unserem eigenen Onlineshop für 'n Zehner, außerdem bei Amazon.de, HHV, MZEE und 1000 anderen Mailordern. Danke! Wenn das Ding bei Aral an der Kasse steht, setz' ich mich ins Ausland ab! Südfrankreich, Flasche Wein und 'n mittelgares Steak du Cheval.
Julian
Zufrieden bin ich, wenn die Leute das Interview bis hierher gelesen haben. Ach ja, zufrieden bin ich auch, wenn uns keiner der Kollegen fragt: Wie seid ihr zu Rap gekommen und mit wem habt ihr gerade Beef? Danke Dir für deine Fragen.
Kein Thema, gerne geschehen... So, der Sampler ist draußen, wie geht es jetzt bei euch weiter? Mit welchen Releases kann man dieses Jahr noch rechnen?
Dexter
Wir sind schwer am Schaffen, wie der gemeine Schwabe sagt. Das nächste Release kommt von Jaques sHURE und mir und wird auf den Namen "Schelle" hören. Das wird eine Mischung aus Konzept- und klassischem Debüt-Album. Inhaltlich geht es um Bier, das Leben eines Obdachlosen, urbanes Treiben, Battlerap und Style. Untermalt von passenden Beats im Retro-up-to-date-Stil. Dann kommt DennisDaMenace oder Elemental Force.
Jaques sHURE
Schelle 08!
Interview: Christian
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