Kopfsport - "Hart aber herzlich"
Deutscher Rap will Elektro werden - aber das leichte Mädchen weiß mal abgesehen von Prinz Pi und Marteria wieder mal nicht wie. Wen wundert's. Schließlich hat's schon mit dem Ghetto-Sein nicht hingehauen. Und da melden sich zwischen aufgepumpten Anabolika-Stiernacken-Türstehern und Fitness-Fanatikern in Alpha-Jacken, Hipsters in zu engen Jeans, Selfmade-Zuhältern mit Haarausfall, aggrossiven Berliner Brüllaffen und einem Multi-Millionär aus Tempelhof, der neuerdings auf tschechische Tontechniker schwört (Badesalz, irgendjemand?), drei Mother-Fugger aus Augsburg mit einem Rucksack voller Samples und gutem, altem Boombap-Rap und fragen: "Wer hat das Zahnrad im Kopf und ist mit Rap liiert? Wer hat so klare Aussagen, dass jeder Depp kapiert: Das hier ist Seelenmusik, die Scheiße konterkariert, und dabei ehrlich bleibt, wie es heute nur noch selten passiert..." Als sich Daster, Menace und First Strike zwischen 1998 und 2002 auf Jams und Konzerten kennen lernen, liegt ihre gemeinsame musikalische Zukunft noch in weiter Ferne. Daster ist fester Bestandteil der Landsberger HipHop-Formation Chefetage, Menace textet bei der Augsburger Dichtergilde und First Strike dreht fleißig an seinen Plattenspielern. Doch bereits 2004 erscheint Daster als Gast auf der von Menace initiierten So'Twinz Download-EP "Proleten Pop 2007", die innerhalb von vier Wochen 47.000 Mal heruntergeladen wird. Der gegenseitige Austausch wird intensiviert und gipfelt schließlich im Menace-Solo-Album "Blut, Schweiß und Tränen", das erstmals alle drei Künstler auf einem Album vereint. Die Chemie stimmt sofort - und die drei alten Hasen fusionieren Mitte 2007 unter dem Namen Kopfsport. Nachdem die erste, kleine Auflage des Debüts "Hart aber herzlich" Anfang des Jahres relativ zügig weg war, ist jetzt das Re-Release zu haben. Und zwar dank eines Vertriebsdeals, den die Jungs mit Sony Music abgeschlossen haben. Dadurch ist der Longplayer im Internet bei den üblichen Verdächtigen zu haben. Zeit also für ein kleines Palaver - über Rucksäcke und schiefe Wirbelsäulen, über Rap ohne Penis und mit überdimensionalen Eiern oder über ein einfaches Lied über kein einfaches Mädchen... Auf www.kopfsport.com gibt es alle weiteren Infos über die bayrischen Schwaben.
Tracklist und Downloads
01. Heiliger Rasen
02. Hart aber herzlich
03. Schiffschaukel
04. Rote Zahlen
05. Teil meines Plans
06. Now these days
07. Wasser und Brot
08. Ich und Ich
09. Klarsicht
10. Carpe Diem
11. Hart aber herzlich RMX
12. Mamacita RMX
13. Wasser und Brot RMX
Snippet >> "Hart aber herzlich" <<
Download >> "WWW" <<
Interview
Euer Album heißt "Hart aber herzlich". In den 80ern hat die ARD mal eine gleichnamige US-Serie ausgestrahlt, in der ein abenteuerlustiges Ehepaar mitsamt Butler Kriminalfilme gelöst hat. Da fragt man sich natürlich: Wer ist bei euch die Frau und wer der Butler?
Menace
Der DJ ist traditionell ja immer eine Diva, also eine Frau. Die anderen sind die Butler, die ihm die Plattenkoffer tragen.
Daster
Ich will keinen Ärger kriegen…
First Strike
...aber so lange Menace im Bad doppelt so lange braucht wie wir beide zusammen, erübrigt sich für mich die Frage nach der Diva.
Tragt ihr HipHop-Deutschlands letzte Rucksäcke auf dem Rücken?
Menace
Ich wurde wegen meiner schiefen Wirbelsäule beim Bund fast ausgemustert. Ich trag gar nix außer meinen Knochen.
Daster
Ich wurde tatsächlich ausgemustert. Aber wegen meiner scheiß Augen. Also fehlt mir die nötige Weitsicht, um solche Aussagen treffen zu können. Ich sehe noch einige wandern. Da ist vom Trekking-Rucksack ohne Inhalt bis zur Aldi-Tüte mit versteckten Perlen alles dabei. Hauptsache, wir kommen nirgendwo an und haben außer Bier und Bleistift noch das ein oder andere Schmankerl auf dem Rücken…
First Strike
Ganz ehrlich: Dieses Schubladendenken langweilt mich tierisch. HipHop ist so breit gefächert, warum muss man da zwanghaft in Kategorien denken? Ich denke, jeder kann im HipHop Sachen finden, die einen persönlich ansprechen. Der Rest kann einem dann im Grunde völlig egal sein. Fakt ist, dass dieser Backpack-Vorwurf gerne von Leuten in den Raum geworfen wird, die nicht wissen, wie sie sich anders ausdrücken sollen. Für mich ist das immer so eine Art "Hilferuf" von irgendwelchen Rapfans, die nicht begriffen haben, dass Musik subjektives Empfinden von Einzelpersonen ist. Umgekehrt ist der Gangsterrap-Begriff für viele ja auch zum Schimpfwort geworden. Ich kann das alles überhaupt nicht nachvollziehen. Entweder mit gefällt eine bestimmte Art von Musik oder sie tut es eben nicht. Und um auf deine Frage zurückzukommen: Nein, ich trage musikalisch weder einen Rucksack noch renne ich mit meiner Uzi durch mein Ghetto - und werde es auch nie.
Die Frage spielte natürlich bewusst mit einem Klischee. Aber Fakt ist doch, dass ihr euch, sowohl musikalisch als auch textlich, eher in den 90ern zuhause fühlt als 2008, oder?
Menace
Wenn du damit sagen willst, dass wir uns hin und wieder mal Gedanken über das machen, was wir sagen, und eventuell auch hier und da ein gewisses Anspruchsdenken haben, dann: Ja. Ich weiß auch nicht, was an diesem 90er Ding so negativ sein soll. Dort wurde das Fundament für deutschen Rap gelegt. Ein heute 18-jähriger "Rapfan" findet das vielleicht uncool oder etwas schrullig, aber der erzählt uns auch nix über HipHop. Das sind zwei komplett verschiedene Diskussionsebenen. Was wir sagen, hat ja auch heute noch Bestand. Vielleicht sogar heute noch mehr als damals. Wenn damals schon Bands von faken Images gesprochen haben, dann möchte ich bitte mal wissen, was die heute so schreiben würden.
Daster
Ich bin ganz hin und weg von Menaces Antwort und kann kaum was hinzufügen. Ob die Leute bei uns jetzt musikalisch oder textlich von den 90ern sprechen, weiß ich nicht exakt, aber da ich mich zugegebenermaßen die vergangenen Jahre komplett 'ne Wurst um 98 Prozent der deutschen Veröffentlichungen gekümmert habe, kann es schon sein, dass ich nicht up to date klinge. Textlich zumindest. Das ist nicht ignorant gemeint. Ich lebe irgendwie auch musikalisch eher ein Gefühl, das man in den 90ern ansiedeln kann. Und wenn's den Leuten heute auch noch taugen sollte: Warum jeden Scheiß mitmachen, um dran zu bleiben…?
First Strike
Ich finde es persönlich sehr schade, zu sehen, dass Raphörer heutzutage einfach nicht mehr differenzieren können. Ich glaube, sie haben Angst, dass sie keine Daseinsberechtigung haben, wenn sie sich nicht gegenüber ihren Vorgängern abgrenzen. Die Rapszene - wenn es denn eine gibt - ist heutzutage irgendwie wie Kinder, die in die Pubertät kommen und zwanghaft versuchen, sich von ihren Eltern abzugrenzen, nur um dann später festzustellen, dass ihre Eltern ja doch in gewisser Weise bei dem ein oder anderen Punkt Recht hatten. Ja, ich fühle mich mit meinen Wurzeln, die Mitte der 90er gelegt wurden, verbunden. Ich möchte diese Zeit auch nicht missen. Manchmal wünsche ich mir, dass die Leute heute nur für ein paar Sekunden sehen könnten, was wir damals gesehen haben, fühlen, was wir damals gefühlt, und tun, was wir damals getan haben. Das würde vielleicht das Verständnis untereinander verbessern. Aber, und das soll auch ganz klar gesagt werden: Damals war definitiv nicht alles besser! Neid und Missgunst hat es immer gegeben und ist mit Sicherheit auch ein Grund, warum diejenigen, die damals auf Jams ausgelacht und nach Hause geschickt wurden, sich heute auf ihre Art und Weise revanchieren.
In "Heiliger Rasen", dem Auftakt eures Albums "Hart aber herzlich", spielt ihr mit Fußball-Metaphern, um eure Einstellung zu Rap zu umschreiben. Zwei von euch sind BVB-Fans, einer ist Bayern-Anhänger. Wenn man das Spiel ein bisschen fortführt: Seid ihr eher Stehplatz und Currywurst als VIP und Häppchen, eher van Bommel und Kehl als Ribery und Hajnal?
Menace
Ich bin kein Bayern-Fan! Das Gerücht hält sich hartnäckig. Ich bin in Bayern geboren und als Kind im Fußballverein immer nach München geschleppt worden. Da findet ja bei uns in Bayern bis zu einem bestimmten Lebensjahr keine Differenzierung statt. Und wer sagt, er wäre im Großraum unserer Landeshauptstadt geboren und schon immer Scheiße 04- oder BVB-Fan gewesen, ist nicht ganz ehrlich. Ansonsten pro FC Augsburg, pro Stehplatz, pro Bier unter 2,50 Euro. Currywurst ist in unseren Breitengraden leider fast ungenießbar.
First Strike
Lieber immer Stehplatz als einmal VIP-Zelt mit geleasten Freunden. Und der BVB packt das mit dem internationalen Geschäft.
Daster
So lange er bei Toren der Bauern noch ein Uli-Hoeneß-Grinsen pflegt, glaube ich Menace kein Wort. Aber freut mich zu hören. Vielleicht sollten wir uns hin und wieder selbst interviewen… Hör den Song noch ein paar Mal an. Steckt alles drin, was die Haltung anbelangt. 100 Prozent Stehplatz - so lange das Gestell hält - und Wurst, so weit der Magen reicht.
In einem Radio-Interview habt ihr sinngemäß gesagt, ihr macht Rap mit wenig Penis. Was geht? Keine Eier in der Hose, oder wie?
Daster
Nö. Bis jetzt nur Ausgaben...
First Strike
...und keine Hosen im Schrank, in die unsere überdimensionalen Eier reinpassen.
Menace
Wie man sieht, hat es die Rapszene nicht so mit Understatement.
Eurem Waschzettel für uns Journalisten habt ihr eine "Weisheit" des verstorbenen Yehudi Menuhin vorangestellt, laut Wikipedia einer der größten Geigenvirtuosen des 20. Jahrhunderts: "Die Musik spricht für sich allein. Vorausgesetzt, wir geben ihr eine Chance." Angenommen, die Leute gäben euch die Chance und hörten richtig zu, was würde eure Musik zu ihnen sprechen?
Menace
Die Musikfans, speziell im HipHop, sind heutzutage viel zu analytisch. Jeder, der zu Hause sein Logic stehen hat, meint, er müsse einen Song, den er hört, bis ins letzte Detail zerlegen und seinen Senf dazu abgeben. Keiner sagt mehr einfach "Guter Song. Punkt" oder auch "Gefällt mir nicht!". Für mich gilt der Spruch: Einfach mal die Klappe halten und die Musik in ihrer Gesamtheit sprechen lassen. Den Text, das Image des Künstlers oder das, was gerade so "in" ist, außen vor lassen. Sondern einfach den Song und den Moment wirken lassen.
First Strike
Ich denke, dass man unserer Musik anmerkt, dass sie vom Herzen kommt und echt ist. Sie wird dir also keine ausgedachten Geschichten erzählen oder dich anlügen wie Pinocchio. Wobei du ja sicher weißt, was man von Männern mit langen Nasen behauptet. Spaß beiseite - hör dir unbefangen unseren Sound an. Wenn du dich darin wiederfinden kannst, ist das geil, wenn nicht, gib ihm eine faire Chance, und vielleicht kann er dich überzeugen oder hör einfach weiter den Sound, der dich emotional am meisten bewegt.
Daster
Mach dir ab und an mehr Gedanken als nur über dich selbst und lass dich nicht verarschen. Lass dir parallel 'ne Kiste Bier reinlaufen und schreib Texte. Wenn du jetzt noch jemanden findest, der Beats produziert, die in den 90ern hängen geblieben sind, dann kannst du so werden wie wir. Wenn du da überhaupt Bock drauf hast.
Laut eures Titeltracks seid ihr auf der Suche "nach der Nische für den Rap mit Niveau, mit Kopf, mit Soul und trotzdem Yo!" Und - schon fündig geworden?
Menace
Die Musik haben wir gefunden. Was definitiv gefunden werden muss, ist eben die Hörerschaft. Das Problem ist folgendes: Rap mit Soul und Niveau wird immer gleichgesetzt mit depressiver Seelenkrämerei, die Schwermut verbreitet. Es geht ja auch anders. Man kann ja zum Beispiel sagen: "Hey es läuft grad alles scheiße, aber so ist es jetzt nun mal. Aber es kommen wieder bessere Zeiten". Soul und Niveau kann ja auch sein, dass man Positives sagen kann oder sich selbst auf die Schippe nimmt, ohne in dieses Coco-Jambo-Muster zu verfallen.
Daster
Wenn wir das selber texten, solltest du uns eigentlich diese Frage beantworten…
First Strike
Ich habe in den beiden Typen hier für mich diese Nische gefunden und möchte an dieser Stelle auch mal Danke sagen.
Ist eure Musik denn eher was für die Ü20-Fraktion?
Menace
Momentan eher Ü25 oder Ü30.
Daster
Nein. Ich würde nicht behaupten, bei den Teens keine offenen Ohren zu erwarten, aber vielleicht fällt es denen schwerer, die von Menace schon angesprochenen Up-to-date-Scheuklappen abzulegen. Feedback kommt aber zugegebenermaßen eher aus der von dir angesprochenen Altersklasse.
First Strike
Ich glaube, das kommt nicht auf das Alter, sondern eher auf den persönlichen Geschmack des Hörers an. Bei vielen ist momentan noch dieser Gangsterkram angesagt, weil sie mit der Musik eben auch ein gewisses Gefühl verbinden. Dem entgegen wird Rap, der in den 90ern verwurzelt ist, oft mit Oldschool, Rückschritt und diversen Zwängen verbunden. Ich kann von daher schon verstehen, warum viele gegen angestaubte Ideale rebellieren und lieber Rap von Straßenhelden ihrer Stadt feiern. Das wirkt eben für viele authentisch, und das ist es sicherlich auch in sehr vielen Fällen. Was mir allerdings bei all den testosterongeschwängerten Rapzeilen oft fehlt, ist die Message. Letzten Endes drehen sich die ganzen Gangsterrapper doch auch alle nur im Kreis. Da ist keiner dabei, der seinen persönlichen Teufelskreis mal überwindet oder Lösungen für sich und seine Kollegen anbietet. Schade eigentlich. Würde ihnen definitiv gut zu Gesicht stehen - vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Gangsterschiene auch stark am Verblassen ist. Spätestens, wenn die Hörerschaft älter wird, werden die Künstler auch plötzlich handzahm. Das konntest du bei Sido und Bushido beobachten, und das kannst du aktuell an Massiv und vielen anderen beobachten. Oder was glaubst du, warum Aggro Berlin urplötzlich die Pforten schließt? Das dicke Geschäft ist vorbei. HipHop schrumpft sich wieder gesund.
Ihr seid ja nicht gerade Jungspunde, sondern habt in Sachen Rap und HipHop schon einiges aufm Buckel. Das klingt auf dem Album auch immer wieder an, etwa in "Carpe diem". Genau wie eure Unzufriedenheit über den Status quo, etwa in "Wasser und Brot", einem "einfachen Lied über kein einfaches Mädchen", das Rap als Schlampe darstellt. Wie hält sie euch trotzdem bei der Stange?
Menace
Indem ich persönlich mein Ding mache, ohne drauf zu schauen, was der Rest von Rap-Deutschland macht.
First Strike
Sie bläst einfach so unglaublich gut - auch wenn sie ein mieses, untreues Stück ist.
Daster
Unsere Stangen meinste? Weil die Olle nach wie vor eine geile Sau ist. Fickt vogelwild in der Gegend rum - hat aber nie behauptet, ausschließlich uns zu gehören. Da muss man drauf klarkommen. Und hörig ist hörig. Hör ich. Immer wieder. Von mir selber.
Hat denn das nicht einfache Mädchen irgendwo im Schrank zwischen L.V. und anderem Designer-Schnickschnack noch einen Slip in Camouflage rumliegen?
Menace
Ich sehe das Mädchen so selten, weil es von zu vielen Maulhelden umgeben ist.
First Strike
Bei mir hat sie leider nie einen String an, wenn ich sie treffe. Dumm gelaufen, aber so sind die leichten Mädchen nun mal. Schnell bei Fuß und ebenso schnell wieder weg und beim nächsten.
Daster
Hat sie! Und den hat sie blöderweise auch immer an, wenn sie mal wieder Zeit für mich hat. Allerdings sieht man bei dem Design die ganzen Flecken von den anderer Stechern nicht. Was ehrlich gesagt etwas widerlich ist. Aber was soll's…
Was hat euch in Sachen Rap und HipHop denn am meisten geprägt?
Menace
Einfach die Zeit und die Jams. Der ganze Vibe, den es heute leider kaum mehr gibt. Trotzdem war damals nicht alles sooo toll. Ich meine, hör dir mal Bands von damals heute an. Das war teilweise technisch echt grotte, aber man hat es gefeiert. Eben das meinte ich, man hat nicht analysiert. Man hat einfach etwas gefeiert und einer Band den Erfolg gegönnt.
Daster
Ghettoblaster, Sporttasche mit Kannen und ein Wochenendticket, als es noch seinen Namen verdient hatte.
First Strike
Platten diggen, mit Freunden feiern, Spaß haben, versuchen, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, mit anderen Menschen kommunizieren, Gedankenaustausch, zusammen Beats machen und vor allem sich nie allzu wichtig zu halten.
Seid ihr denn schon so weit, dass ihr nur noch von Erinnerungen zehrt?
Menace
Wenn es speziell um HipHop geht, dann Ja, weil ich langsam echt die Hoffnung auf eine Rückbesinnung aufgegeben habe.
Daster
Nein. Die Medien oder vielleicht auch der Anspruch der breiten Masse an sich, was HipHop betrifft, gaukeln einem nur vor, was heute das "Alpha-Tier" sein soll. Ich höre immer noch neue Alben, die mir zusagen, sehe B-Boy-Massaker und freshe Bilder. Und was mir dann trotzdem noch fehlt, wird weiter brav aus der Ahnengalerie gezogen.
First Strike
Nein. Sicher schwelge ich gern mal in Erinnerungen, aber wer tut das nicht. HipHop ist wie alles im Leben. Ein Kommen und Gehen. Heute biste der Big Boss, der Player mit den Weibern und morgen interessiert sich keine Sau mehr für Dich. Dennoch gibt es immer wieder innovative Typen, und ich freue mich für jeden, der sich im Haifischbecken namens Rapgeschäft seine Stellung erarbeitet hat. Ich muss ja deswegen nicht alles mögen.
Gibt es aktuelle Veröffentlichungen aus Deutschland, die ihr feiern könnt? Von First Strike weiß ich ja zumindest, dass er sich für KIZ begeistern kann...
Menace
Also, wenn so was wie KIZ mit Böhse Enkelz kommt, dann steig ich da schon mit ein. Weil es einfach mal wieder Rap mit Humor war, den man so noch nicht erwartet hatte. Tone ist auch einer, für den ich mich immer freue, wenn er wie aktuell eine neue Scheibe hat. Ansonsten mnemonic, Pal One. Es muss mich halt berühren oder unterhalten.
Daster
Die ganzen alten Ruhrpott-Konnegges und die, die ich leider bisher nicht persönlich aus der Ecke kennen gelernt habe, versorgen mich weiter mit Mukke, die mir aus der Seele spricht. Ansonsten die von Menace genannten und überhaupt jeder, der mir nicht dauernd ungefragt seinen Penis oder die Faust um die Ohren hauen will.
First Strike
Ganz ehrlich, KIZ und Böhse Enkelz war auf jeden Fall was Neues. Mittlerweile hat sich das aber auch abgenutzt - was natürlich vorhersehbar war. Man muss meiner Meinung nach auch nicht ständig das Rad neu erfinden. HipHop wird deswegen ja auch nicht unbedingt uninteressant, nur weil man jetzt als Künstler keine großen Innovationen liefert. Es ist wie bei Malern. Nicht jeder ist ein Picasso, aber sind deswegen alle anderen Maler gleich scheiße? Ich meine: Nein. Momentan kann ich mich für Huss & Hodn und Tone begeistern. Auch wenn mir da nicht durchgehend alles gefällt. Pal Ones "Seelentreffen" ist derzeit zum Beispiel meine tägliche Wohlfühlmusik - weil es mich einfach direkt berührt, und ich das Gefühl habe, dass mir Pal aus der Seele spricht. Schöne Grüße an dieser Stelle von uns nach Mannheim. Und auf was ich mich demnächst auf jeden Fall tierisch freue, ist Donatos "Angst".
"Hart aber herzlich" sollte ja erst eine EP, dann eine Single werden. Jetzt ist es doch ein Album. War das eine schwierige Entscheidung?
Menace
Ja.
First Strike
Eher ein langer Prozess mit Höhen und Tiefen. Vom Album hin zur Maxi hin zum Album. Dafür dass "Hart aber Herzlich" in dieser Form mit diesen Songs nie als Album gedacht war, ist es für mich erstaunlich rund geworden. Runder als mir anfangs bewusst war. Und das finde ich richtig geil. Die Leute draußen hoffentlich auch.
Daster
Die Zeit, die wir mit Diskutieren verplempert haben, hat zum Glück genug Songs um die Ecke gespült, die letztendlich einen Longplayer ermöglicht haben.
Die drei Remixe am Ende wirken ehrlich gesagt ein bisschen wie Füller...
Menace
Da gab es durchaus Diskussionen. Letztlich haben wir sie drauf gelassen. Die tun ja auch nicht weh.
Daster
Das habe ich bisher nur von Leuten gehört, die sie nur einmal gehört haben.
First Strike
Darüber kann man sich sicher streiten, und glaub uns, wenn wir dir sagen, das haben wir zur Genüge getan. Letzten Endes haben wir uns für die Songs entschieden, und ich glaube, keiner von uns bereut diese Entscheidung. Im Gegenteil, ich würde persönlich was vermissen, wenn die Songs fehlen würden.
Ihr habt das Album zunächst in einer kleinen, dreistelligen Stückzahl pressen lassen und über euer Label Loop Department veröffentlicht. War das eine Art Testballon, um zu schauen, wie es läuft?
Menace
Ehrlich gesagt: Ja. Wir wollten einfach mal sehen, was geht, und sind bescheiden an die Sache rangegangen.
Daster
Man hat ja schon genug seltsame Geschichten im Bekanntenkreis gehört, was erwarteten Absatz und die dann folgende Realität betraf. Da wird man doch etwas vorsichtiger. Zumal man bei einem Erstlingswerk eh nicht weiß, wie die Leute reagieren.
First Strike
Im Grunde habe ich da nichts mehr hinzuzufügen, außer: Danke an alle Käufer der Erstauflage. Ohne euch und eure Unterstützung hätten wir sicher keinen Re-Release ins Leben gerufen.
Mittlerweile habt ihr nachgepresst und einen Vertriebsdeal mit Sony in der Tasche. Wie seid ihr da rangekommen? Besetzungscouch?
Menace
Nee, einfach nur sexy Labelmenschen.
Daster
(hat gerade aufgestoßen)
First Strike
Massivs Manager hat mich angerufen und gemeint, Sony gibt seinem Schützling nur dann Geld für weitere Aufnahmen, wenn sie im Umkehrschluss eine Band bekommen, die er dann dissen kann. Da war die Entscheidung ganz leicht. Nein, ganz im Ernst, das geht auf die Kappe unseres Labels, darum an dieser Stelle auch ein großes Dankeschön an die Person im Hintergrund. Er weiß, wer gemeint ist.
So ein Vertriebsdeal hat natürlich die Annehmlichkeit, dass man euer Album beispielsweise bei Amazon bestellen kann. Gibt es sonst noch Vorteile? Oder müsst ihr euch auch weiter nahezu um alles selbst kümmern?
First Strike
Ja, Blackjack und Nutten sowie geleaste Mercedes im Video. Wo denkst du hin? Wir stecken in alle Sachen, die wir machen, unser eigenes Geld und unsere eigene Zeit...
Menace
Faktisch können wir machen, was wir wollen, und der Vertrieb schafft die Infrastruktur für den Tonträger in den Laden. Natürlich sind wir keine Künstler, in die Sony 100.000 Euro Vorschuss reinsteckt. Gott sei Dank, denn damit kämen natürlich die Verpflichtungen. Letztlich macht das Label den Papierkram und die Promo, der Vertrieb kümmert sich darum, dass die CD im Laden steht, und wir können das machen, was wir am besten können: Musik machen. Natürlich kümmern wir uns aber auch um Bookings und Promo. Eigentlich ist die Struktur, die Loop Department uns bietet, das Beste, was man so als Musiker haben kann.
Öffnet das eigentlich auch ein paar Türen, wenn man im Nebensatz mal die Worte "Vertriebsdeal" und "Sony" fallen lassen kann? Erleichtert es die Promotion, weil der ein oder andere vielleicht eher geneigt ist, euch ein Ohr zu schenken?
Menace
Gegenfrage. Tut es das? Ich denke mal, Scheiße bleibt scheiße, auch wenn Sony drauf steht. Aber tatsächlich muss man ja sagen, dass Musikredaktionen umsatzgetrieben sind, und wenn du einen Partner wie Sony im Rücken hast, dann hören die Leute auf einmal hin, obwohl die selbe CD vier Wochen zuvor im Eigenvertrieb auf deren Schreibtisch lag. Es hat halt keine Sau interessiert. Das ist aber nicht die Schuld der Künstler. Die wollen ja nur, dass einer mit neutralen Ohren objektiv die Musik hört, ohne dass irgendwelche kommerziellen Gründe dahinter stecken.
Daster
Hauptsache, die Infrastruktur an sich läuft und das VÖ-Dingen ist präsent. Sonst wären wir im übertragenen Sinne ja jetzt wieder beim Penis-Thema…
First Strike
Es ist schon erstaunlich, was so ein kleines Logo auf einer CD für eine Wirkung hat bei den Medienschaffenden dieses Landes. Manchmal widert mich das richtig an, wenn du erlebst, wie du im Eigenvertrieb nur gegen verschlossene Türen rennst. Und sobald dann Sony oder Vergleichbares drauf steht, kommen die Ratten aus ihren Löchern gekrochen und wollen alle ein Stück vom Käse. Geld regiert eben die Welt, und unabhängig sind selbst die Szenemedien nur in ihren Träumen.
Ok, biegen wir mal langsam auf die Zielgerade ein... Welche Aussage würdet ihr eher unterschreiben: "HipHop is dead" oder "Mein Dad ist HipHop"?
Menace
HipHop ist tot, es lebe HipHop.
First Strike
Keine von beiden.
Daster
Zwangsläufig "Mein Dad ist HipHop", weil ich das "Y" von ihm habe und meine Mutter die Texte nicht mal mitlesen kann, wenn ich sie ihr ausdrucke. Und frei nach Mendel… Gibt's da Forschungsarbeiten oder so?
Prima, besten Dank fürs Interview. Die letzten Worte gehören euch - und wehe, First Strike, Du gratulierst wieder deiner Mutter zum Geburtstag...
Menace
Hört euch unser Album an. Danke für's Zuhören.
Daster
Is' mir alles real.
First Strike
Sie hatte wirklich Geburtstag.
Interview: Christian
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