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Inflabluntahz - Segen und Fluch

"Wenn man Donatos oder meine Texte hört, dann bekommt man sicher den Eindruck, wir seien Menschen, die täglich zu Hause sitzen und nur über unser Seelenleid klagen", vermutet Franksta', Rapper der Inflabluntahz. Doch das ist kein Stempel, den sich der Endzwanziger aus dem Bergischen Land aufdrücken lassen möchte. Denn: "Die Menschen, die mich wirklich kennen, wissen auch, dass ich ein sehr positiv denkender, humorvoller Mensch bin." Klar, angesichts nachdenklicher Texte und melancholischer Beats finden sich Franksta' & Co. nur allzu schnell in einer Schublade verstaut, in die sie nicht passen, überhaupt nicht passen wollen. Nachdenkliche Texte, melancholische Beats - die gibt es auch auf "Segen und Fluch" en Masse. 22 Songs haben Franksta' und Nicoist (Beats und Produktion) auf den Nachfolger von "Director's Cut" (2007) gepackt. Dazu kommen 18 Tracks auf einer Bonus-CD, die zum einen das Projekt "Influzion" (Franksta's Texte treffen auf Ill-Luzions Produktionen) und zum anderen diverse Remixe und Bonus-Stücke umfasst. Der Titel "Segen und Fluch" zieht sich dabei wie ein roter Faden durch das Album und steht für die inneren Konflikte der Interpreten und vieler gleichfühlender Menschen. Die Songs wollen verdeutlichen, welch ein Segen es ist, feinfühlig und sensibel durch das Leben zu gehen, denn es erleichtert es den Menschen, positive Dinge wahrzunehmen. Dennoch ist genau das in der heutigen Gesellschaft oft ein Fluch, weil man gerade dadurch verletzlich und angreifbar wird. Schnell wird klar: nachdenkliche Texte - definitiv ja; ein Balanceakt auf der Rasierklinge - definitiv nein. Warum es Rap-Fans oft scheinbar schwer fällt, hinter die Fassade zu blicken, warum sich viele vorschnell ein falsches Bild machen und ob es ein Segen oder ein Fluch ist, bei dem Album zwischen den Zeilen lesen zu müssen - über das und noch vieles mehr haben wir mit den Inflabluntahz, die uns mit "Asche und Staub" auch einen exklusiven Download zur Verfügung gestellt haben, im Interview gesprochen.


Video und Exclushit






Exclushit:
>> "Asche und Staub" <<


Interview

Mit "Segen und Fluch" habt ihr ja ein Riesen-Ei gelegt. 40 Songs auf zwei CDs. Für Fans definitiv ein Segen, für Redakteure, die das rezensieren wollen, fast schon ein kleiner Fluch. Wie kam es dazu? Hattet ihr Angst davor, zu selektieren und euch von Tracks trennen zu müssen?

Franksta'
Für die einen ein Segen, für die anderen ein Fluch! Nein, natürlich soll es auch für die Redakteure kein Fluch sein, das hoffe ich doch mal stark. Ich musste nicht viel selektieren. Schon seit "Director's Cut" hatte ich ein klares Grundgerüst für "Segen und Fluch" im Kopf. Zum Beispiel, wie das Album zu klingen hat und welche Themen ich dabei anschneiden will. Bei genauerem Hinhören merkt man auch, wie jeder Track seine ganz eigene Geschichte erzählt, wenn man sie nicht nur in die wenigen Schubladen wie zum Beispiel nachdenklicher Rap, Representer und Storytelling einteilt. Jeder Track gehört eindeutig an seinen bestimmten Platz.

Auf die zweite CD habt ihr das Projekt "Influzion" gepackt. Das sind neun Songs, die Ill-Luzion aus Dortmund produziert hat. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Franksta'
Im Laufe der Zeit ist Ill-Luzion definitiv ein sehr guter Freund von uns geworden, und wir hatten schon länger eine Art EP zusammen geplant. Als uns dann letztendlich die Idee mit dem DigiPack kam, um den Hörern mal etwas Besonderes zu bieten, war auch gleichzeitig die Idee geboren, "Influzion" direkt auf die Bonus-Disc zu packen.

Jetzt hat Ill-Luzion ja auch einen Teil von "Segen und Fluch" produziert. Was macht da "Influzion" zu etwas Speziellem, dass ihr es auf eine extra CD packt?

Franksta'
Vor allem natürlich die ganz eigene Stimmung und die Atmosphäre der Songs. Bei Ill-Luzions Beats hat man immer so ein bisschen das Gefühl, in andere Sphären abzutauchen, und das ist noch mal was ganz anderes als das, was man auf dem Album vom Sound her zu hören bekommt. Man muss es einfach gehört haben, um zu wissen, wie ich das meine, vor allem bei dem "Segen und Fluch Preload" von der Bonus-Disc wird sehr deutlich, was ich damit meine.

Ist "Segen und Fluch" ein Doppelalbum?

Franksta'
Also "Segen und Fluch" ist definitiv kein Doppelalbum. Ich finde, man sollte diese beiden CDs schon voneinander getrennt betrachten. Während die erste CD das Album "Segen und Fluch" beinhaltet, besteht die zweite CD einmal aus "Influzion" und aus dem Bonusmaterial, das sich über die vergangenen Jahre angesammelt hat. Das ist quasi eine Art Rückblick für uns.

Für "Segen und Fluch" habt ihr nicht nur mit Ill-Luzion zusammengearbeitet, sondern auch mit anderen Produzenten wie Zaehre oder Profound. Jetzt bist Du, Nicoist, bei den Inflabluntahz ja "hauptberuflich" Produzent. Kommst Du da nicht ein bisschen kurz, wenn Du bei 22 Songs gerade mal vier Beats los wirst?

Nicoist
Meine Aufgabe ist ja nicht nur das Produzieren der Beats. Es geht darum, das Ganze auf ein fettes, amtliches Level zu bringen. Das technische Ausfeilen der Tracks, Arrangement, Artwork, das Mischen und Mastern und alles, was dazu kommt. Dass auf dem Album nur vier Beats von mir zu hören sind, liegt aber auch vor allem daran, dass ich vor zwei Jahren nach München gezogen bin und im Moment generell eher viel reise, da ich auch ein sehr naturverbundener, spiritueller Mensch bin.

Wer von euch steuert denn, mal abgesehen von den Texten und den Beats, welchen Input bei? Wie arbeitet ihr zusammen, wer kümmert sich um was?

Franksta'
Im Prinzip ergänzen wir uns einfach insgesamt sehr gut, sei es nun beim Ausfeilen der Tracks oder beim Artwork. Ein Album bringt extrem viel Arbeit mit sich, und zwei rauchende Köpfe arbeiten daran, ohne große Hilfe von außen. Natürlich bringt dann der eine von beiden mehr Wissen in bestimmten Bereichen mit. Ich bin mir aber auf jeden Fall sehr sicher, dass unser Sound beziehungsweise unsere Alben nicht so klingen würden wie jetzt, wenn nur einer dahinter stecken würde. Ein "Inflabluntah" zu sein, ist einfach ein Zwei-Mann-Job. (lacht)

Der Titel "Segen und Fluch" zieht sich wie ein roter Faden durch das Album und steht laut Promoschreiben "für die inneren Konflikte der Interpreten und vieler gleichfühlender Menschen. Die Songs sollen verdeutlichen, welch ein Segen es ist, feinfühlig und sensibel durch das Leben zu gehen, denn dies erleichtert es den Menschen, positive Dinge im Leben zu beachten und wahrnehmen zu können. Dennoch gleicht es in unserer heutigen Gesellschaft oft einem Fluch, weil man gerade dadurch auch verletzlich und angreifbar wird". Franksta, wie äußert sich das bei Dir und wie gehst Du damit um?

Franksta'
Bei mir merke ich diesen "Segen und Fluch" in so ziemlich jeder Lebenssituation: im Job, in einer Beziehung, bei Freunden, einfach überall. Durch diese Überstimulation und Reizüberflutung, die man im Alltag erlebt, fühlt man sich einfach oft machtlos und irgendwie fremd in der heutigen Gesellschaft. Man hat das Gefühl, sich oft den Kopf zu zerbrechen, während andere manche Dinge einfach sehr schnell verarbeiten können. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass die gesammelten Eindrücke tagtäglich nicht nur stärker und detaillierter wahrgenommen, sondern auch tiefer und gründlicher verarbeitet werden. Ich bin aber kein Schwarzmaler, sondern ich weiß es inzwischen eher zu schätzen, weil ich dadurch auch gelernt habe, die positiven Dinge viel deutlicher wahrzunehmen. Insofern habe ich auch gelernt, relativ gut damit umzugehen. Auch wenn ich manchmal automatisch um fünf Ecken denken muss, bis ich mir eine Meinung zu etwas gebildet habe.

Wenn man sich die Songs anhört, wird auch ohne Waschzettel klar, dass Du überwiegend nicht der Typ Lautsprecher mit den markigen Sprüchen bist. In "Writing some letters" bezeichnest Du Dich als HSP, also als highly sensitive person, mit zu viel Empathie. Das sind ja Menschen, die stärker als der Durchschnitt auf Reize reagieren, und teils auch Stimmungen intensiver empfinden. "Empathie" behandelt dieses Thema. Jetzt ist es ja sicher kein Charakterfehler, mitfühlend zu sein, sich in die Lage anderer Menschen versetzen zu können. Ich-AGs gibt es ja genug. Musst Du auch manchmal Dinge wegdrücken beziehungsweise nicht zu nah an Dich ranlassen, weil es zu belastend wäre?

Franksta'
Sicher lasse ich manche Dinge erst mal sehr nahe an mich ran, aber ich muss dann auch darauf achten, dass genau das nicht passieren darf und ich mich immer wieder ermahnen muss, mich nicht unnötig in etwas hineinzusteigern. Zum Beispiel winkende Zaunpfähle zu sehen, wo gar keine da sind. (lacht) Ich denke, ich betrachte viele Dinge mit genug Abstand, obwohl ich sie schon sehr realistisch sehe und deutlich wahrnehme.

Wie kommt man darauf, man ist ein HSP? Das googelt man ja nicht einfach so. Und das diagnostiziert ja auch kein Arzt...

Franksta'
Also HSP ist keine Krankheit, und man muss auch nicht von ihr geheilt werden. Die meisten Menschen wissen oft gar nicht, dass sie sich vielleicht gerade wegen ihrer Hochsensibilität irgendwie anders und abgegrenzt fühlen beziehungsweise sich ständig einen Kopf um etwas machen müssen. Aber zurück zur Frage, wie ich überhaupt auf meine "Selbst-Diagnose" gekommen bin. Auf Anhieb weiß ich darauf keine genaue Antwort. Man liest halt gerne Bücher, und ich interessiere mich auch für Psychologie, also Dinge, die in einem passieren, obwohl man gar nicht weiß, warum und woher sie kommen. Daher auch die Zeile in "Writing some letters": "Lese Bücher, suche mich selbst darin, versuche, psychologisch zu erklären, wer ich wohl selber bin." Mich interessiert es einfach sehr, warum man so ist, wie man ist, und irgendwie ist es ja auch eine Art Selbstfindung. Irgendwann bin ich dann bei meinen "Recherchen" auf den Begriff HSP gestoßen, womit ich mich dann natürlich auch weiter beschäftigt habe.

Dass man sich angreifbar und verletzbar macht, wenn man sich öffnet, auch mal das Innere nach außen kehrt, hatten wir ja eben schon angesprochen. Dazu kommt, dass man schnell als "depressiver Spacken" abgestempelt wird, wie es Donato in "Hinter der Fassade" ausdrückt. Hast Du öfters den Eindruck, dass Du vorschnell abgeurteilt beziehungsweise in eine Schublade gesteckt wirst, die Dir nicht behagt?

Franksta'
Natürlich, aber das ist ja auch kein Wunder. Ich sage mal, wenn man Donatos oder meine Texte hört, dann bekommt man sicher den Eindruck, wir seien Menschen, die täglich zu Hause sitzen und nur über unser Seelenleid klagen. Man gerät oft zu schnell in eine Schublade, gerade Menschen mit nachdenklichen Texten oder melancholischen Beats. Sie verarbeiten viel darin, das muss aber nicht bedeuten, dass man ein trockener und ernster Mensch ist, ohne die vielen anderen Facetten. Das Gleiche gilt für Ill-Luzion. Seine Beats wirken vielleicht eher traurig und melancholisch, dabei ist er einer der humorvollsten Menschen, die ich überhaupt kenne. Probleme hat jeder, die meisten Menschen sind einfach unglaublich gut darin, sie zu verdrängen.

"Man schafft sich ein Bild von uns, stark verzerrt...", rappst Du in "Hinter der Fassade". Woran liegt es Deiner Meinung nach, dass sich Leute ein falsches Bild von Dir machen? Dass sie Dich auf den Rapper reduzieren? Dass sie keinen Bock haben, hinter die Fassade zu schauen? Dass sie nicht mit Storytelling beziehungsweise der Erzählperspektive des Ich-Erzählers umgehen können?

Franksta'
Im Grunde kann man es den Menschen ja auch nicht verübeln. Aber man sollte immer versuchen, sich von diesem Schubladendenken frei zu machen und hinter die Fassade zu blicken. Das meine ich generell. Die Leute machen sich zwar eh immer ihr eigenes Bild von einem, wovon man sich ja auch selbst nicht freisprechen kann, aber es hat einfach meist wenig mit dem wirklichen Menschen zu tun. Das ist die Kunst, hinter die Fassade zu blicken. Wütend wirkende Menschen sind in Wahrheit oft sehr traurig, extrovertierte Menschen können innerlich die einsamsten Gestalten sein, und scheinbar traurige Menschen können mehr Hoffnung in sich tragen als es den Anschein hat. Dass die Leute manchmal nicht diese Ich-Erzählperspektive richtig einzuschätzen wissen, beweist eigentlich nur, dass man auch unglaublich viel Gefühl in Storytelling-Songs reinlegen kann und als Rapper einen guten Job gemacht hat. Im Grunde ist das also ein riesengroßes Kompliment.


Auf der anderen Seite ist es natürlich schwer, hinter die Fassade zu schauen, wenn man jetzt "nur" ein Album hat, "nur" die Texte, anhand derer man sich ein Bild machen kann, oder?

Franksta'
Absolut. Insofern ist es auch ein Ding der Unmöglichkeit, sich das richtige Bild von einem Menschen zu machen, das weiß ich. Aber dann sollte man auch nicht zu schnell urteilen und sich ein falsches Bild machen.

Du hast ja eben selbst gesagt, dass man den Eindruck bekommen könnte, ihr seid Menschen, die täglich zu Hause sitzen und nur über ihr Seelenleid klagen, man Donatos oder Deine Texte hört. Wenn ich bei Donato beispielsweise an Songs wie "Angst" oder "Die Welt zieht an mir vorbei" denke - die befeuern das ja...

Franksta'
Wahrscheinlich werden unsere Songs auch vom Durchschnitts-Rap-Hörer falsch wahrgenommen. In meinen Augen schenken die Songs Kraft und Hoffnung, weil sich die Menschen darin wiederfinden und so vielleicht anders mit schwierigen Situationen umgehen können. Nehmen wir mal als krasses Beispiel den Song "4 Minuten" vom Album "Director's Cut", in dem ich vom verzweifelten Selbstmord eines 25-Jährigen erzähle. Für die breite Masse mag es ein absoluter Depri-Song sein, nach dem man sich down fühlt. Aber von anderen haben wir schon Kommentare gehört wie "Das gibt mir Kraft zum Weiterkämpfen", nämlich von jemandem, der vielleicht wirklich in dieser Situation steckt und sich dadurch nicht alleine fühlt. Donato möchte auf seinem Album ja über das verdrängte Thema "Angst" aufklären - und das tut er auch ausgesprochen gut, denn viele Menschen haben damit zu kämpfen. Allein zu wissen, dass sie mit diesen Ängsten nicht alleine sind, hat viel positivere Auswirkungen als man vielleicht vermutet.

Unterm Strich kann man da wahrscheinlich noch so oft sagen, dass es sich um Momentaufnahmen handelt, dass man nicht ständig mit Rasierklingen spielt, dass man nicht so leicht zu dechiffrieren ist, dass noch genug Details verborgen bleiben und dass man als Persönlichkeit auch andere Charakterzüge hat, die einen ausmachen, oder?

Franksta'
Auf jeden Fall… Man sollte die Songs zu handeln wissen und hinterfragen. Wir sprechen die Themen an, die im Rap-Geschehen wahrscheinlich nur oberflächlich beleuchtet werden, und ich bin froh, dass es auch noch andere Rapper so tun.

Sind die Vorurteile, auf die man stößt, der Fluch der Authentizität, die man sich auf die Fahne geschrieben hat?

Franksta'
Eindeutig eher Segen als Fluch, denn ansonsten würden wir auch in dieser Rap-Szene genauso schnell untergehen wie viele andere. Gerade weil wir sagen, was wir denken, schenkt man uns doch glücklicherweise Gehör. Und darauf bin ich auch stolz. Ich bin mir sicher, dass man schnell merkt, wer etwas genauso meint, wie er es sagt, und wer nur etwas schreibt, weil es gerade gefragt ist. Wenn ich mir ein Album mit 20 Battle-Tracks anhöre, weiß ich nicht wirklich etwas über diesen Menschen, und ich finde, dass man im Rap doch etwas von dem Menschen und seinem Leben erfahren möchte. "Wer oben schwimmen will, vermeidet Tiefgang" heißt es in einem Song von Joy Denalane. Wahre Worte.

Für mich, das sage ich ganz ehrlich, macht es auch den Reiz persönlich angehauchter Songs aus, in denen beispielsweise Schwächen oder Probleme verarbeitet werden, dass man sich als Hörer vorstellt, dass das zu 100 Prozent stimmt, dass jemand bereit ist, seine Abgründe mit anderen zu teilen, dass man Eigenes hineinprojizieren kann, dass vielleicht auch ein gewisser Voyeurismus befriedigt wird. Wie siehst Du das?

Franksta'
Da gebe ich Dir eindeutig recht, weil das auch guten Rap beziehungsweise gute Musik generell für mich ausmacht. Die Ehrlichkeit und Offenheit, über viele Tabu-Themen zu sprechen. Natürlich fragt man sich irgendwann am Anfang seines Rapper-Daseins, wie viel man wirklich von sich preisgeben möchte. Viele haben Angst vor diesem "Seelenstrip" und davor, den anderen Rappern dadurch vielleicht zu viel Angriffsfläche zu bieten. Aber für mich ist es einfach ehrliche Musik, die gerade dadurch ihren Reiz hat. Man soll es natürlich auch nicht falsch verstehen und denken, man würde mit den Songs Mitleid erzeugen wollen. Wer so etwas denkt, liegt völlig daneben. Die Texte sollen berühren, sollen zu Herzen gehen und man soll sie nachempfinden können, direkt und vollkommen unzensiert. An eine Art Voyeurismus habe ich dabei noch gar nicht bei den Hörern gedacht, aber wenn es so ist, dann sollen sie sich ordentlich schämen. (lacht)

Mit Donato einen Song wie "Hinter der Fassade" zu machen, lag sicherlich auf der Hand, oder?

Franksta'
Anfangs nicht, weil ich eigentlich einen ganz anderen Song mit ihm im Hinterkopf hatte. Klar hatte ich Donato von Anfang an fürs Album eingeplant, und im Endeffekt passt der Song wirklich sehr gut zu uns beiden, gerade weil wir auch immer in dieses falsche Depri-Fadenkreuz geraten. So konnten wir auf jeden Fall beide noch mal loswerden, was die Leute über unsere Alben denken könnten, und darauf hinweisen, dass man als Rapper eben nicht nur Rapper, sondern auch Mensch ist.

Du kannst an dieser Stelle gerne mit ein paar Vorurteilen aufräumen. (lacht) Was bist Du für ein Mensch?

Franksta'
Ich bin ein vollkommen unberechenbarer Mensch. (lacht) Nein, es ist die Wahrheit, also zumindest aus musikalischer Sicht. Ansonsten bin ich auf jeden Fall sehr bodenständig. Ich glaube, die Menschen, die mich wirklich kennen, wissen auch, dass ich ein sehr positiv denkender, humorvoller Mensch bin.

Auf welchem Song erfährt man am meisten über Dich und warum?

Franksta'
Ich denke das ist wohl eindeutig "Writing some letters" oder auch "Fall asleep". In "Fall asleep" behandle ich dieses Thema des "anders Seins" sehr deutlich, und gleichzeitig drückt es den Stolz aus, so zu sein, wie man ist. Viele wissen nicht, wie es ist, so viele Dinge zu schätzen, die sie wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen. Egal, wie schwer diese "Lebensart" für einen selber sein mag. Der Song war eine lange Zeit lang Ill-Luzions und mein Soundtrack des Lebens, nicht zuletzt deswegen, weil wir unsere Tour dann auch wirklich durchgezogen haben. "Lass uns reisen Ill, einfach mal weg und Seiten füllen" - für mich ist es selbst unglaublich, wie viele Emotionen in diesem Song eingefangen wurden.

In "Writing some letters" deutest Du an, dass Deine Kindheit nicht unproblematisch war. "Ich hab geschworen, eines Tages bin ich mehr wert, zumindest etwas" heißt es da. Hat das Rappen Dein Selbstbewusstsein gestärkt?

Franksta'
Auf jeden Fall. Ich habe mir damals geschworen, dass ich etwas schaffe, womit niemand gerechnet hätte. Ich wollte mich beweisen, vor anderen Menschen, doch vor allem wollte ich mir selbst etwas beweisen. Dieser Tatendrang ist natürlich immer in meine Texte eingeflossen. Ich bin stolz darauf, dass ein Album von uns im Handel steht und wir inzwischen mit so unglaublich vielen herausragenden Künstlern zusammenarbeiten durften. Das stärkt natürlich das Selbstbewusstsein enorm.

Wie viel hat das Rappen beziehungsweise das Musik machen denn insgesamt zur Entwicklung Deiner Persönlichkeit beigetragen?

Franksta'
Also, wenn ich mal die vergangenen zehn Jahre betrachte, die ich jetzt Musik mache, würde ich natürlich sagen, eine ganze Menge. Gerade durch die Menschen, die man in dieser Zeit trifft, die Dinge, die man erlebt, entwickelt man sich auch dementsprechend anders, als wenn man vielleicht nicht so medienpräsent wäre und so viel Support von anderen Menschen bekäme. Natürlich wäre ich dann mit Sicherheit ein anderer Mensch, würde ich keine Musik machen, aber der innere Kern würde wahrscheinlich immer noch der selbe sein wie jetzt.

Inwiefern definiert es Dich, dass Du Rapper bist?

Franksta'
Das Rapper-Dasein hat wohl keinen allzu großen Einfluss auf mich als Menschen. Also über die angesprochenen zehn Jahre vielleicht insgesamt schon, aber ich bin in erster Linie ein Mensch, der gerne rappt, anstatt ein Rapper, der nebenbei noch Mensch ist. (lacht)

Auf "Kopf gegen Herz" lässt Du Kopf und Herz direkt miteinander kommunizieren, beide reden auf Dich ein, während Du in der Mitte stehst. Hörst Du bei Entscheidungen eher auf Deinen Kopf oder Dein Herz?

Franksta'
Ich wäge beide Seiten natürlich bedacht ab, wenn ich in einer solchen Situation stecke, und es kommt natürlich immer darauf an, welche Situation es genau ist. Aber ich lasse eindeutig eher mein Herz entscheiden, obwohl das nie aus einer Naivität heraus passiert, sondern im klaren Bewusstsein über die Gefahren und die viele Umstände, die sich aus einer Entscheidung heraus ergeben. Ich bin ein sehr vorausschauender Mensch, mein Kopf treibt mich natürlich oft dazu. So informiert mein Kopf quasi mein Herz über die Gefahren und mein Herz trifft die Entscheidung. Was für ein Kampf, ich glaube, da hätten selbst die 300 Spartaner gestaunt, was manchmal so in mir abgeht. (lacht)

Du hast in einem anderen Interview gesagt, dass Du "Lass uns reden" in einer schweren Phase Deines Lebens geschrieben hast und dass Du Dich in dem Song selbst ansprichst, obwohl er in der Du-Form geschrieben ist. Was hat Dich denn zu dem Stück getrieben?

Franksta'
Mich hat in erster Linie eindeutig das Konzept dazu getrieben. Als Zaehre die Idee dazu hatte, war ich sehr begeistert davon und habe mich dann erst hingesetzt und versucht, mich von außen zu betrachten. Ich habe versucht, mich selbst in die Rolle eines anderen hineinzuversetzen, und überlegt, was jemand anderes oder ich mir selbst gerade sagen würde.

Du hast für "Segen und Fluch" Konzept-Songs und Ansagen gemacht, erzählst aber auch die ein oder andere Geschichte. Eine davon ist "Vier Minuten (Teil 2)", die Fortsetzung einer Nummer von "Director's Cut". Es geht, kurz gesagt, um die Trauer einer Mutter nach dem Selbstmord ihres Sohnes. Was reizt Dich an diesem Thema?

Franksta'
Mich hat erst mal gereizt, die Geschichte weiterzuführen. Das heißt, wenn man "Vier Minuten" von "Director's Cut" hört, denkt man ja an den Jungen, der Selbstmord begeht, und wie verzweifelt er sein muss, um diesen Schritt zu machen. Aber was ist danach? Die Geschichte ist ja auch im wirklichen Leben nicht einfach vorbei und abgeschlossen, denn danach geht ja für die anderen Menschen das Leben weiter, und sie müssen versuchen, damit umzugehen. Wie ist es für eine Mutter, den Abschiedsbrief ihres Sohnes zu finden? Empfindet man vielleicht selbst Schuldgefühle? Und welche Vorwürfe macht man sich? Ich fand es sehr interessant, die Gefühle in dem gesamten Song einzufangen.

Schreiben und rappen zu können, Dir so Luft machen zu können - ist das für Dich auch Segen und Fluch zugleich?

Franksta'
Es ist auf jeden Fall ein Segen, sich so Luft machen zu können und Druck abzubauen. Der Fluch kommt eigentlich erst später, wenn man das Gefühl hat, für seine öffentliche Selbsttherapie und dieses Ventil kritisiert zu werden. Der Erwartungsdruck ist natürlich auch hoch. Das ist aber auch nicht wirklich ein Fluch, denn die eigenen musikalischen Erwartungen an sich selbst liegen eigentlich meist viel höher als die der Redakteure oder der Hörer. Der Fluch ist es wohl, als Künstler immer nur höchstens 90 Prozent zufrieden zu sein, obwohl man doch nach den 100 Prozent gestrebt hat. Dann heißt es mal wieder auf ein Neues - Beats picken und drauf los schreiben.

Wie schätzt Du Dich selbst ein: Wenn Du entscheiden würdest, dass Du kein Album mehr rausbringst, müsstest Du Dir dann ein anderes Ventil suchen als das Schreiben? Oder funktioniert das auch unabhängig davon, ob Du den Text schließlich auch noch auf einen Beat aufnimmst?

Franksta'
Ich müsste mich sicher auf irgendeine andere Art kreativ ausleben. Früher als Kind habe ich viel gezeichnet, das käme auf jeden Fall wieder für mich in Frage. Wieder zurück zu einem leeren Blatt und zum Bleistift. Anscheinend habe ich mich zu sehr an diese beiden Hilfsmittel gewöhnt, und ich werde ihnen wohl noch lange treu bleiben.

Auch auf die Gefahr hin, den roten "Segen und Fluch"-Faden zum Abschluss des Interviews so überzustrapazieren, dass er reißt: "Ich könnte so vieles sagen, so vieles schreiben, aber die meisten hören im Song nicht zwischen den Zeilen" (aus "Fall asleep") - im Hinblick auf das Album ist das ja eher Fluch als Segen...

Franksta'
Also ich sage in dem Track ja auch bewusst: "Die meisten hören im Song nicht zwischen den Zeilen." Für die meisten Rap-Fans ist dieses Album ja auch zu wenig "Straße", und vielleicht möchten sie in den Songs auch gar nicht zwischen den Zeilen hören, who knows? Das ist für mich vollkommen ok, denn die Menschen, die offen für unsere Musik sind und diese persönlichen Texte fühlen können, lesen dann ja auch zwischen den Zeilen. Umso mehr freue ich mich über die Resonanz dieser Leute und blicke voller Vorfreude auf das Release von "Segen und Fluch".

Interview: Christian

  


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