"Blur" - für diesen englischen Ausdruck gibt es im Deutschen keine Entsprechung. "Make or become unclear or less distinct" lautet die offizielle Übersetzung, wenn man den Albumtitel von Gerard MC im Wörterbuch nachschlägt. Alles andere als verschwommen ist dagegen der Inhalt des Longplayers: Zwei Jahre nach seinem Debüt "Rising sun" hat der Wahl-Wiener ein Album zusammengestelt, das zwischen Party und Beerdigung, zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, zwischen Rausch und Hangover alle möglichen Stimmungen einfängt. Oder um den Waschzettel seines Labels Eisbrand zu zitieren: Es ist das musikalische Manifest eines orientierungslosen Jugendlichen im Jahr 2009, der seine Antworten auf Sinnkrise und Zukunftsangst irgendwo zwischen Rauschzustand, zwischenmenschlichen Beziehungen und geregeltem Tagesablauf sucht. Mal unterschwellig, mal geradeheraus. Mal ironisch-witzig, mal verzweifelt ernst. Produziert wurde das 16 Tracks starke Werk vom Wiener Dreiergespann Fid Mella, Mainloop und Clefco, das in jüngster Vergangenheit mit Produktionen für italienische und österreichische Künstler aufhorchen ließ. Außerdem steuerten Kool DJ GQ, Saiko und Maeckes je einen Beat bei. Von letzterem wird Gerard außerdem auf "Wahllose Szenen" am Mikrofon unterstützt. Daneben gibt sich auch der Linzer Flip, Mastermind von Texta, die Ehre. Alles andere als verschwommen und verkatert gab sich der 22-Jährige auch im Interview mit Allesreal.de - und verriet, dass er eigentlich ein sehr glücklicher Mensch ist, der unter der Woche brav arbeitet, am Wochenende gerne feiert und der festen Überzeugung ist, dass alles schon irgendwie klappen wird...
Tracklist und Video
01. Intro
02. Ab jetzt
03. Ein einziges Mal
04. Zu viel Zeit
05. Zweiundzwanzigjetzt
06. Ursache/Wirkung feat. Flip
07. Brief aus der Leere
08. Faserland
09. Gelbgrünblau
10. Dunkelblauundgelb
11. Einatmen, ausatmen
12. Wahllose Szenen feat. Maeckes
13. Halt es fest
14. Beautiful day feat. Deniz
15. Alles gut
16. Was bleibt
Interview
"Blur" - für diesen englischen Ausdruck gibt es im Deutschen keine Entsprechung. "Make or become unclear or less distinct" lautet die offizielle Übersetzung, wenn man den Albumtitel im Wörterbuch nachschlägt. Was hat es mit dem Titel auf sich?
Das ist kein Album - das ist eine Bewegung. (lacht) Nein, ich meine, das ist kein Titel, das ist ein Feeling. Man kennt das doch... Man steht betrunken im Club und tanzt, redet Unsinn und alles ist easy und super. Die ganzen Alltagssorgen scheinen vergessen. Um 7 Uhr früh schlendert man dann langsam nach Hause, während die ersten schon zur Arbeit fahren. Dieses gewisse Freiheitsgefühl: Ich bin ausgebrochen aus diesem Alltag, diesem System. Das ist das Blur-Feeling! Aber dieses Blur-Feeling hat halt auch seine Schattenseiten: leichte Post-Alkohol-Depressionen und dieses Erwachen von wegen "Shiiit... Was habe ich da wieder gemacht?" Im schlechtesten Fall steht man sogar in der Partynacht selbst irgendwann da, schaut sich so um und denkt sich: "Scheiße, was machen ich beziehungsweise diese ganzen Leute da überhaupt?" Es ist manchmal schon alles sehr verwirrend... (lacht)
Im Waschzettel Deines Labels für die Journalisten heißt es, "Blur" sei das Manifest eines orientierungslosen Jugendlichen, der seine Antworten auf Sinnkrise und Zukunftsangst irgendwo zwischen Rauschzustand, zwischenmenschlichen Beziehungen und geregeltem Tagesablauf sucht. Wie viel von Dir steckt in diesem Jugendlichen?
Ich lehne mich jetzt mal absichtlich sehr weit aus dem Fenster: nicht mehr als von anderen Jugendlichen in meinem Alter. Das unterstelle ich jetzt einfach mal provokant einem gewissen Teil dieser Jedes-Wochenende-Vollgas-Party-Generation. Nicht falsch verstehen: Ich bin ein extrem glücklicher Mensch. Aber dennoch stellen sich mir natürlich die Fragen: Wie Job? Hä? Was mag ich denn eigentlich machen? Und wenn ich das wüsste: Bekomme ich diesen Job dann überhaupt? Wann finde ich denn endlich die Traumfrau? Finde ich die überhaupt? Werde ich meine Ziele noch erreichen? Und, und, und...
Auch wenn Du sagst, Dir geht es quasi wie vielen anderen Deines Alters auch, hast Du die Perspektive des Ich-Erzählers gewählt. Soll das mehr Authentizität vermitteln? Alles offen lassen? Dem Hörer möglichst viel Spielraum geben?
An das Generation-Blabla denke ich ja in dem Moment, wo ich das schreibe, gar nicht. Damit werde ich dann ja erst Monate später von Leuten wie Dir konfrontiert. (lacht) Ich trage in mir ständig irgendwelche Gedanken herum, und im Optimal-Fall gibt es dann diesen Moment, in dem ich einen bestimmten Beat höre und alles aus mir hinausplätschert. Da schreibe ich dann. Das ist natürlich dann in der Ich-Form, weil das ja meine Gedanken sind in diesem Moment - wenn die dann wer teilen kann, ist das zwar wunderschön, aber davon kann ich ja erst mal nicht zwingend ausgehen. Ich kann ja schlecht dem Zuhörer unterstellen, dass er in dem Moment des Hörens genauso wie ich denkt beziehungsweise fühlt.
Hat das auch etwas mit Kontrolle darüber zu tun, was man so auf einem Album preisgibt?
Man kann sicher kontrollieren, was man preisgibt. Aber im Endeffekt geht es ja darum, WIE der Hörer darüber denkt, WAS du preisgibst. Und das kann man nicht kontrollieren. Ich kann zum Beispiel in einem Song keinen Namen nennen, aber wenn das dann jemand aus meinem Umfeld hört, dann denkt der vielleicht: "Ach so... diese Zeile ist über dieses Mädchen" - obwohl ich in dem Fall vielleicht etwas rein Fiktives geschrieben habe. Würde ich ständig darüber nachdenken, wer die Songs hört und wie man sie verstehen kann und wie derjenige dann über mich denkt, dann wäre das doch alles für'n Arsch. Mann kennt mich aufgrund der Lyrics sowieso nicht: Darum steht ja auf dem Album "Gerard MC" und nicht "Gerald". Der eine ist die Kunstfigur und der andere halt nicht. Aber sicher fließt viel Persönliches in ein Album, aber wenn man es genauer betrachtet: Mein Gott, jeder wurde schon mal von einem Menschen enttäuscht. Jeder war schon mal am Boden zerstört, weil seine Beziehung in die Brüche ging. Jeder hatte schon mal Zukunftspanik. Was soll's. Dafür muss man sich nicht schämen, man kann doch zu seinen Schwächen stehen. Wenn dann einer mit dem Finger auf mich zeigt á la "Ey, schau dir dieses Opfer an", dann ist das doch okay. Schön für dich, wenn es dir noch nie so ging. (lacht)
Inwieweit hast Du den Anspruch, das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf den Punkt zu bringen, wie es im Intro heißt?
Da habe ich mich natürlich sehr weit aus dem Fenster gelehnt, wenn man das jetzt 100 Prozent ernst nimmt. Aber ich hatte die Hoffnung, dass sich möglichst viele Leute in diesem Album wiederfinden, und wenn ich mir das Feedback bis jetzt durchlese, dann ist das ja auch durchaus gegeben. Und dem Ganzen habe ich halt plakativ den Stempel "Generation Blur" aufgedruckt. Besser als - Unwort des Jahrzehnts - "Null-Bock-Generation".
Wenn man Deine Blog-Einträge auf MySpace liest oder sich Deine Tschi-TV-Folgen anschaut, merkt man schon, dass Du in Sachen Party und Alkohol nicht gerade ein Kind von Traurigkeit bist. Wo ist der Unterschied zur Jedes-Wochenende-Vollgas-Generation?
Ich bin ja in dieser Jedes-Woche-Vollgas-Generation zu 100 Prozent involviert. (lacht) So lange das alles im geregelten Rahmen abläuft, ist alles okay. Ich arbeite ja auch unter der Woche brav. Da darf man am Wochenende mal aus allem ausbrechen. Andere gehen zu einem Psychiater, um den Stress der Woche zu bewältigen, oder machen Extrem-Sport, um Abstand zu gewinnen. Die meisten gehen halt fort und haben eine gute Zeit. Da wären wir wieder beim Punkt oben. Ich finde es nicht schlimm, einfach mal offen zu sagen: Ja, in einer gewissen Weise ist das natürlich meine Medizin. Mein wöchentlicher Tilt.
Ist Alkohol für Dich auch mal Seelentröster beziehungsweise Mittel der Wahl Nummer eins in Sachen Selbstbetäubung?
Also, allgemein muss ich da mal was klarstellen: Wenn man Reviews zum Album liest, dann muss der Leser ja glauben, ich sei der depressivste Alkoholiker. (lacht) So ist es auf keinen Fall. Ich bin der glücklichste Mensch, lache unglaublich viel und gerne, danke dem Universum jeden Tag für alles und trinke nur am Wochenende. Und da ja auch in Maßen. Manchmal auch in Massen, aber großteils in Maßen. (lacht) Die Sache mit "Blur" ist halt, dass es ein Konzept-Album ist. Und Übertreibung ist nun mal auch ein Stilmittel. Und mit diesem bewussten Ausbruch aus der Realität ist jetzt auch nicht gemeint, dass man sich jedes Wochenende koma-mäßig die Kante gibt, sondern einfach mal in eine andere Welt abtaucht. Eben in eine Welt, in der Nebel und laute Musik sind. Wo deine größte Sorge ist, ob der DJ auch endlich mal was Ordentliches auflegt oder du dein Garderoben-Ticket noch findest. Wo man viele neue Menschen kennen lernt. Wo man tanzt, trinkt. Sich ungezwungener unterhält. Irgendwelche verrückte Sachen erlebt. Sich verliebt. Du kennst sicher dieses Lied von The Cure: "Friday I'm in love". (lacht) "Blur" beleuchtet das ganze Phänomen von verschiedenen Ebenen, wenn du so willst. Es ist eben nicht ein oberflächliches Party-Album, sondern es geht um viel, viel mehr. Auf "Faserland" etwa geht's um reiche Jugendliche, deren Beruf "Kind" ist und die sich bei ihren Koks-Partys betäuben. Die haben vielleicht keine Zukunftssorgen, aber dafür dann andere. Ich will mit diesem Album nicht sagen, dass alle Jugendlichen, die reich sind und koksen oder aus der Unter- und Mittelschicht sind und trinken, tief im Inneren schwer depressiv sind. Auf keinen Fall. Aber es ist eben dann doch nicht alles so easy, wie vieles wirkt.
In welchen Momentan machst Du Dir denn Gedanken über die Fragen, die Du eingangs aufgezählt hast? Ist das meistens dann, wenn der Kater abklingt, der Körper in den Hangover-Modus geschaltet hat?
Ich bin vergleichsweise, glaube ich, sehr gechillt, was das betrifft. Ich bin da ein bisschen naiv wie ein kleines Kind, das sich sagt: "Das klappt schon irgendwie. Hat es immer, wird es immer." Aber wenn die Gedanken aufkommen, dann eigentlich zu keinen bestimmten Zeiten.
"Zu viel Zeit" beschäftigt sich ja damit, dass man von unangenehmen Fragen, vor denen man Angst hat, traktiert wird. Ist es Dir unangenehm, wenn sich Gedanken über den Sinn des Lebens und die Zukunft heranschleichen? Und dass man sich über kurz oder lang mit ihnen auseinandersetzen muss?
Aber genau darum geht's ja in dem Song: Muss man das denn überhaupt? Natürlich ist der Song witzig geschrieben, aber im Endeffekt glaube ich, kommt er meinem "Ich" fast am nächsten und hat durchaus eine ernste Message. Ich kenne Menschen, die ernsthaft stundenlang über Sachen wie den Sinn des Lebens philosophieren. Ja, fast diskutieren, als ob der eine die Antwort wüsste und den anderen davon überzeugen will. Dann stehe ich auf und gehe. Ganz ehrlich, das ist mir doch zu blöd. Und da bin ich auch nicht ignorant oder verschließe meine Augen oder sonst was. Wenn mich dann jemand fragt: "Aber würde dich nicht interessieren, warum wir überhaupt da sind?", dann sage ich: "Doch, klar. Aber nachdem weder du die Antwort weißt noch ich und sich das auch nicht ändern wird, wenn wir jetzt darüber eine Stunde reden und von Minute zu Minute trauriger werden, schaue ich mir lieber eine Episode ,How I met your mother' oder ,Entourage' an." (lacht) Die "Sinn des Lebens"-Fragerei war bei mir mit elf Jahren abgehakt. Jeder muss für sich einen Weg finden, glücklich durch das Leben zu gehen.
Wie groß ist denn die Angst vor dem "richtigen" Leben, also wenn das Studium rum ist, man sich bewerben muss, einen Job braucht?
Die hält sich noch in Grenzen. Da kommt meine "Wird-schon-alles-irgendwie"-Attitüde wieder ins Spiel.
Und die Angst, was zu verkacken, obwohl das Potenzial durchaus vorhanden gewesen wäre?
Da zitiere ich mich gern selbst aus "Halt es fest": "Zweifel ist der kleine Bruder vom Scheitern." Ich glaube, jeder Gedanke hat gewisse Energien, und wenn du schon mal an eine Sache ran gehst mit dem Gedanken "Uh, ich habe Angst, das zu verkacken. Ich schaffe das nicht", dann ist auch schon viel verloren. Daher bin ich, ehrlich gesagt, sehr optimistisch, was das alles betrifft.
In "Ursache/Wirkung" rappst Du: "Ich bin das Ergebnis von Faktoren um mich herum, denen ich nicht entkomm'. Von Faktoren, die ich trotzdem gerne habe, denn sie machen mich zu dem, was ich bin - sie machen mich zu Gerald." Welche Faktoren sind das? Was beeinflusst Dich am meisten? Und was macht Dich aus?
Ich glaube, zu einem gewissen Grad beeinflusst dich alles um dich herum - wirklich jede Kleinigkeit. In erste Linie sicher dein Umfeld, deine Familie, deine Freunde. Aber auch sonstige Begegnungen mit Menschen: "Jede einzelne Begegnung, ein klein wenig Prägung." Ich höre gerne Menschen zu. Also, ich rede schon selbst sehr gerne (lacht), aber wenn es um ernsthaftere Sachen und Einstellungen geht, dann bin ich lieber Zuhörer als Redner. Ich lasse mir auch gerne von Menschen neue Sachen zeigen, auch wenn's Kleinigkeiten sind wie deren Lieblingsrestaurant, Lieblingsfilm oder deren Lieblingslied. Vielleicht ist ja irgendwo etwas dabei, das ich auch für mich entdecke. Das finde ich immer sehr spannend.
Welche Momente würdest du gerne festhalten, wenn du rappst, du wärst gerne immer 22? Nur den Party-Kram, das Gefühl, keine Verantwortung haben, das Unbeschwerte oder auch andere Sachen?
Ehrlich gesagt, keins von den genannten Dingen. Eher dieses: Noch so viel vor sich haben. Und vor allem noch genügend Zeit haben, alle Träume zu verwirklichen. 22 ist insofern perfekt, weil du viele Freiheiten hast. Also dieses "Eintritt erst ab 18" oder das Ding, dass du in den USA erst ab 21 trinken darfst. Du bist in der Welt angekommen, in der du auch ernst genommen wirst. Oder sagen wir so: Zumindest nicht mehr auf Grund deines Alters diskriminiert wirst.
Du hast seit Deinem Debüt "Rising sun" ein neues Label und neue Produzenten gefunden. Bilden die das Umfeld, das Dich auch längerfristig musikalisch tragen kann?
Ja. Das Team ist nun definitiv gefunden. Mella, Mainloop und Clef sind musikalisch wirklich genau auf meiner Wellenlänge, und wir finden auch immer mehr zueinander, sei es jetzt musikalisch oder menschlich. Das ist nicht nur "mein" Album, sondern unser gemeinsames Werk. Sie haben auch mitentschieden, welcher Track raufkommt. Vielleicht kommen noch neue Leute dazu, aber die drei bilden definitiv wieder den Grundstock. Wir sind auch super motiviert für ein neues Album, jetzt wo wir sehen, wie gut das Ding ankommt. Live habe ich ja mit Flip-o-mat, Geritto und Julie schon länger mein Team gefunden, ich bin froh, dass das jetzt auch auf der Studio-Seite so ist. Bezüglich Label ist es ja so, dass Eisbrand hauptsächlich in der Schweiz tätig ist. Wenn wir da in Deutschland einen ähnlich motivierten Partner finden würden, dann wäre natürlich noch einiges mehr drinnen. Aber abwarten…
Du hast in einem anderem Interview gesagt, Du hättest bei den Produzenten gesessen und Beats durchgehört, aber erst mal sei nichts dabei gewesen. Dann seid ihr, nach einigen scheinbar kruden Erklärungsversuchen Deinerseits, doch noch fündig geworden. Kannst Du mal erklären, was Du gesucht hast, was Dir in Sachen Sound wichtig war und was Du schlussendlich gefunden hast?
Ich kann dir sogar genau den Wortlaut sagen, den ich damals immer um mich geworfen habe (lacht): "The Roots" meets "The Streets." Das ergab damals auf jeden Fall Sinn in meinen Ohren, und ja, ich glaube, irgendwie sind wir da auch in der Nähe gelandet.
Empfindest Du Deine demnach Musik als Überwindung von Grenzen?
Jein. Es ist definitiv nicht der klassische HipHop-Sound, vor allem nicht der, den man aus Österreich gewohnt ist. Egal, ob man das jetzt feiert oder nicht, aber man muss zugeben, dass es halt Songs wie "Gelbgrünblau" so noch nicht aus Österreich gegeben hat. Und falls doch, dann kenne ich sie nicht. Natürlich ist das noch nicht die Neuerfindung des Rades, aber ich denke schon, dass sich das Album vom Sound her definitiv abhebt. Und wir wollen jetzt Schritt für Schritt in die Richtung eines ganz eigenen Sounds, eines eigenen Wiedererkennungswerts gehen.
"Blur" deckt eigentlich fast alle Facetten ab, zwischen dem Hochgefühl beim Feiern und dem Hangover am Tag danach. Zwischen grellen Farben und tristem Alltags-Grau. Wann war Dir klar, dass Du ein solches Themen-Album aufnehmen möchtest?
Lustigerweise arbeite ich anfangs immer einfach ins Blaue, und so ab der Hälfte ergibt sich plötzlich eine Richtung - und alles fügt sich auf magische Weise zusammen.
Trotz unbeschwerter Nummern wie "Gelbgrünblau" und "Beautiful day" finde ich, dass das Album einen melancholischen, manchmal auch tragikomischen Touch hat. Würdest Du mir
da zustimmen?
Durchaus. "Tragikomischen Touch" finde ich übrigens großartig getroffen.
Wie kommt das? Wie verträgt sich das damit, dass Du sagst, ein extrem glücklicher Mensch zu sein?
Ich höre extrem gern traurige Musik, versetze mich gern künstlich in diese depressive Grundstimmung. Nicht oft, weil das nimmt einem ja auch mit (lacht), aber manchmal setze ich mich zum Beispiel schon gern bewusst mit meinem iPod und den traurigsten Liedern in den Zug und schaue aus dem Fenster und lasse die Welt an mir vorbeiziehen. Da muss man dann auch wieder zurückkommen. Etwa sich beim Aussteigen innerlich sagen: "Schön war's, aber jetzt ist wieder alles cool." Und im iPod Kaas reintun. (lacht) Und ja, von daher schreibe ich gern traurige Lieder oder es hat vieles einen melancholischen Touch, wie Du sagst. Es macht das Ganze auch etwas interessanter. Wenn du jemanden fragst: "Wie geht's" und er sagt: "Naja... nicht so gut!", dann fragst du eher nach, als wenn dir jemand sagt: "Gut, danke!"
In "Ab jetzt" sagst Du, dass für Dich nur noch der Grundsatz "Kunst über Vernunft, Kunst über Sicherheit" gilt. Gebloggt hast Du, dass die Produktion des Albums Dich eine Jahresmiete gekostet hat. Damit bewegst Du Dich schon ziemlich am Limit, oder?
Naja, "Ab jetzt" habe ich in einer Zeit geschrieben, als die Uni gerade nicht so lief und ich im Kopf manchmal durchgespielt habe, wie es wäre, jetzt wirklich mal die Uni hinzuschmeißen und das Kunst-Ding durchzuziehen. Das war die Zeit, als Maeckes gerade in Wien und quasi mein Nachbar war. Und wenn wir uns abends zum Trinken getroffen haben und ich den ganzen Tag Paragrafen gelernt hatte und er mir von neuen Beats und Konzepten erzählte, dann fühlte ich mich natürlich absolut spießig und nicht-künstlerisch. Zum Glück ist er wieder nach Stuttgart. (lacht) Aber im Endeffekt brauche ich für mich dieses "sichere" Element in meinem Leben, das habe ich gemerkt. Als Ausgleich. Und das mit der Jahresmiete… Würde kein Mensch das Album kaufen, ich keine Live-Gigs spielen, dann wäre ich natürlich im Eimer. Aber da kommt wieder das Kind von oben durch... Das klappt schon, irgendwie. Dass ich das gebloggt habe, war einfach, um den Konsumenten einen ehrlichen Einblick zu gewähren. Die sind doch komplett verwirrt, wäre ich doch auch: Jeder weint über illegale Downloads, aber im Video fahren sie doch dann trotzdem die BMWs. Was jetzt? Wenn du das Album illegal herunterlädst und dann draufkommst: "Hey, das finde ich richtig gut", dann wär's doch nett, wenn du die 8,99 Euro in iTunes bezahlst. Oder die zwölf Euro bei amazon.de, dafür gibt's ein dickeres Booklet. Sollte das der ein oder andere machen, wäre ich also extrem dankbar, ich mag meine Wohnung sehr. (lacht)
Das Thema HipHop und Rap bleibt auf dem Album komplett außen vor. Willst Du das beibehalten?