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Neues - Eventberichte - Artist-Reports - Specials

Singer/Songwriter mit HipHop-Vergangenheit

Im März zeigte sich der Grammy-Gewinner und Multi-Platin Seller Erik Schrody aka Everlast bei seinen beiden Akustik-Solo-Konzerten in Frankfurt und Berlin von einer ganz neuen Seite. Das Publikum dankte es ihm mit frenetischem Jubel und der Künstler selbst hat so viel Gefallen an der abgespeckten, intimen Variante seiner Musik gefunden, dass er in diesem Sommer weitere Konzerte in Deutschland unter dem Motto "An acoustic evening with Everlast" performen wird. Über die Jahre hat sich Everlast mit seiner Band einen sehr guten Ruf als Singer/Songwriter mit Wurzeln im HipHop erspielt. Nachdem er vor 20 Jahren mit "House Of Pain" als Rapper sehr erfolgreich war, hat er sich irgendwann eine Gitarre geschnappt und angefangen, handgemachte Musik zu stricken - und das ebenfalls sehr erfolgreich. Damit war er einer der ersten, der HipHop und Singer/Songwriter-Stil miteinander verwoben hat. Seine unvergleichliche Mischung klingt, als hätte Johnny Cash den HipHop gefressen. Auch auf dem neuen Album namens "Songs Of The Ungrateful Living" klingt Everlast immer noch, wie man ihn kennt: ruhig, nachdenklich und mit erhobenem Zeigefinger textend. Die Songs sind stark von Blues und Country geprägt, Everlasts HipHop Vergangenheit ist trotzdem allzeit präsent. Am kommenden Dienstag, 24. Juli, wird er ab 20 Uhr im Aschaffenburger Colo-Saal Station machen. Für dieses Konzert verlosen wir 1x2 Karten. Wer an der Verlosung teilnehmen möchte, schreibt uns eine E-Mail an redaktion@allesreal.de mit dem Betreff "Everlast", in der er seinen Namen und seinen Wohnort nennt. Es entscheidet das Los, der Gewinner wird per E-Mail benachrichtigt. Teilnahmeschluss ist Montag, 23. Juli, um Mitternacht.

Wir waren übrigens bei einem seiner Akustik-Gigs in Frankfurt dabei und haben Everlast interviewt.
Aber lest selbst:

Dem Kalender nach zu urteilen, befinden wir uns seit gestern offiziell im Frühling. Es ist Ende März und tatsächlich zeigt sich Frankfurt-Eschersheim an diesem Mittwoch erstmals von seiner sonnigen Seite. Kurz vor 19 Uhr erreiche ich die legendäre Batschkapp, die in diesem Jahr ihre Pforten zwecks Umzugs innerhalb Frankfurts schließen soll. Schön, zu einem tollen Anlass hier zu sein: Ich werde heute Abend Everlast sehen, so viel steht fest. Der grimmige US-Barde mit irischen Wurzeln und kerniger Reibeisenstimme ist für zwei Termine im Land und lädt erstmals zu "akustischen Abenden" ein. Ich bin Fan, sehr sogar. Keine Frage, dass ich hier aufkreuzen würde, nachdem ich Herrn Schrody bereits als Solo-Künstler mit Band sowie während der 20-Jahre-House-of-Pain-Jubiläumstournee in Köln beeindruckt erleben durfte.

"Schon ärgerlich", grummele ich doch ein wenig enttäuscht in mich hinein. Nachdem bereits meine Interview-Anfrage" bezüglich House of Pain im vergangenen Jahr trotz mehrmaligem Nachfassen unbeantwortet blieb, habe ich vor ein paar Wochen noch einmal einen, zugegebenermaßen nicht sehr hoffnungsvollen, zweiten und ebenfalls erfolglosen Versuch unternommen. Ein bisschen neidisch registriere ich den ZDF-Wagen, dessen Besatzung wohl gerade hinter den notorischen Batschkapp-Backstage-Fenstern mit dem Meister Schwätzchen hält. "Was soll's!", versuche ich mich damit abzufinden. "Grammy-Gewinner", denke ich mir. "Ist halt was anderes, da ranzukommen…" Dann" absorbiert das vibrierende iPhone meine Aufmerksamkeit und holt mich zurück ins Hier und Jetzt. Die Nummer kenne ich nicht. "Hallo?"

Das ist die Stelle, in der ein Drehbuchautor in diesem kleinen Alltagsmärchen den Twist einbauen müsste - und scheinbar versteht der in diesem Augenblick zuständige Schicksalssachbearbeiter sein Handwerk. Ich würde das Ganze albern romantisch und grenz-glaubwürdig finden, hätte ich es selbst erzählt bekommen, doch manchmal ist das Leben eben albern romantisch und grenz-glaubwürdig. Am Telefon ist eine Dame, die fragt, ob ich schon "am Venue" sei. So viel Reaktionsvermögen traue ich mir als höchst schlagunfertigem Menschen eigentlich gar nicht zu, doch ich begreife, dass es eine Mitarbeiterin von Everlasts Promotionagentur sein muss - und drei Minuten später sitze ich ihm in einem dunklen Backstage-Raum gegenüber. Fuck, irrer Twist! "Ich hätte eigentlich einen Kameramann und wäre vorbereitet", sage ich. Sie sagt: "Ach, das packst Du doch sicher auch so!" Ich sage: "Logo" und denke: "Scheiße!" Ulkig, wie sich das anfühlt, mal wieder weiche Knie zu haben. Auf dem Weg die Treppen hoch ziehe ich mir Fragen aus der Nase und tippe Stichworte ins iPhone.

"Hey man!", sagt er. "Hey, nice to meet you", sage ich. "FUUUUUUUCK", denke ich. Alles klar, let's get it on. "Danke, Joey!" Der wahnsinnig drahtige Roadie, der mir bereits von den letzten Auftritten als eifrige Helferbiene in Erinnerung geblieben ist und UNFASSBAR schnell spricht, gibt mir noch zwei Minuten, um das Gerät startklar zu machen, und begleitet Everlast in den Ring, ehe er ihn mit mir und meinen 180 Puls alleine lässt.

Also gut: "Runde 1, fight!" Ich lege los mit klassischer Höflichkeit und Eisbrechertaktik. "Welcome to Germany! Wie fühlt es sich an für Dich, wieder hier zu sein? Ist es was Besonderes oder ist Deutschland für Dich ein Land wie jedes andere?" Wow, ich habe die Eröffnung ohne kapitalen Bock, Totalschaden oder Kollaps hinbekommen, denke ich mir und so langsam kann ich mich auch wirklich auf das konzentrieren, was der gute Mann antwortet. Hat der eben "Thank you, Sir" zu mir gesagt? Nach dem "Welcome"- Blabla? Sir? Ich? Sagt Everlast? Ist ja witzig! Aber jetzt mal besser zuhören… Aha, ok. Früher war ganz Europa für ihn ein Kulturschock, sagt er, jetzt komme er gerne hierher. Er mag die Weihnachtsmärkte und steht hier gern früh auf, um Instagram-Fotos zu machen. Nix mehr mit Party "I'm a family man, now." Ich stelle mir vor, wie der 100+X-Kilo Koloss in Cargo-Baggies und Hoody morgens um 5 Uhr am Mainufer Frankfurter Rentnerrinnen verängstigt, während er mit dem iPhone Bilder von der Skyline knipst. Er erzählt, dass er inzwischen hier in Deutschland einige Ecken wieder erkennt - auch Restaurants. "You know, I'm a kind of Foody", grinst er und meint Deutschland, sei immer gut zu Ihm gewesen. Die Runde geht zu Ende, ich fühle mich immer noch schwach auf den Beinen, bin aber überzeugt, dass es bisher keiner merkt. Also weiter bluffen. Immer ein gutes Thema ist das, was der Künstler so treibt. Gute Vorlage, denke ich mir und wirke fast vorbereitet, als ich das Gespräch elegant zum tagesaktuellen Geschäft überleite.

"Du bist also hier für einen akustischen Abend… Wie kommt's?" Einfach, präzise, interessant… Damit kann man arbeiten, denke ich, und "Mr. White" kann. Während er entspannt und überraschend sympathisch plaudert, komme ich langsam runter und verändere erstmals die Sitzhaltung von "Eichhörnchen mit Pfote in Steckdose" zu "Louis de Funes auf Prozac" - immer noch extrem angespannt, aber nicht mehr ganz so irre. Ja, tatsächlich, Everlast ist wirklich freundlich und sehr relaxed. Man muss verstehen: Wann immer ich den Mann auf einer Bühne sah, wirkte er, und das sage ich trotz aller vorhandenen Sympathie und Begeisterung für ihn, ziemlich mürrisch und schlecht gelaunt. Viel hat er nie gesprochen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er mal Witzchen gemacht hätte. Ich weiß aber noch, wie oben bereits eingeführter Roadie Joey ihm mal während der Show nicht rechtzeitig das benutzte Handtuch aus der Hand genommen hat und er es ihm schließlich angesäuert und ohne den Marathonmann eines Blickes zu würdigen kurzerhand vor die Füße geworfen hat. Fand ich damals eher medium sympathisch. Das passt nun aber gar nicht zu dem Eindruck, den ich jetzt von ihm gewinne, dabei bin ich sein letzter Interviewtermin für heute und er hatte heute einen nach dem anderen. "Es ist halt Teil des Jobs", sagt er. "Sicher der, den ich am wenigsten mag, aber doch Teil eines sehr schönen Jobs." Er versichert mir glaubhaft, dass es nichts Alltägliches für ihn sei, Akustik-Sets öffentlich zu spielen. "Klar", sagt er, er habe das hie und da schon mal bei sich zu Hause gemacht, mit Freunden und Bekannten. Das wäre auch immer ganz gut angekommen, aber dass er dies nun als Tourprogramm angehe, sei schon etwas Neues und Besonderes. Er habe auch, ehrlich gesagt, "ein bisschen Bammel" davor, und ich frage mich, ob er es ernst meint oder ob das Understatement zur Etikette gehört. Seine Band und er seien zwar schon "good together" - man kenne einander gut und funktioniere auch entsprechend - doch nun alleine zu spielen, sei schon eine kleine Herausforderung.



Der Eindruck, den ich im Rahmen des Konzertes gewinnen sollte, spricht dafür, dass diese Worte ernst gemeint waren. Der Mann hat den Abend nicht auf die leichte Schulter genommen und wirkt sehr zufrieden und gelöst, als er sich vom Batschkapp-Publikum verabschiedet. Ganz allein hat er den Job aber auch nicht erledigen müssen, denn auf dem Stuhl neben ihm und seiner Spirituose auf Eis befand sich den gesamten Abend auch immer wieder ein Fläschchen Pils. Getrunken hat sie sein souveräner musikalischer Begleiter, der sein Geld zur Not auch bei Usher Lookalike-Contests verdienen könnte. Der Gitarrist harmonierte prächtig mit dem Senior, dessen Repertoire er offensichtlich erst kürzlich kennen gelernt hatte. Schmunzelnd erzählt der Meister Anekdoten von den ersten gemeinsamen Konzerten, nach denen er von seinem Partner entgeistert angesprochen wurde: "Irgendwas stimmt nicht mit Deinen Fans! Die nennen mich immer Black Jesus!" Und wieder lachte er, der nette Onkel Everlast, und haute im Laufe des Abends noch die ein oder andere Zote raus.

Vier Stunden zuvor spreche ich ihn auf sein neues Album "Songs of the Ungrateful Living" an und frage ihn, ob mich mein Eindruck täuscht, dass es musikalisch ein wenig zurück zu seinen musikalischen Wurzeln führt, zurück zu "Beats and Rhymes?" "Nein", entgegnet er. Es sei nicht so, dass er bei einer Platte konkret beabsichtige, Dinge anderes zu machen als sonst - etwas elektronischer oder natürlicher, die Gitarren eher rau oder weniger akustisch. Vielmehr sei es so, dass es die Songs sind, die ihn in der musikalischen Entstehungsphase führen und denen er folgt. Sie seien es, die ihm sagen, wie sie klingen sollten. "Der Song hat seinen eigenen Kopf, weshalb ich ihn niemals niederschreibe, sondern nur im Kopf bewahre. Sie sind wie Tiere. Wenn Sie bleiben, sind sie Dein. Wenn ich mich nicht mehr an Sie erinnere, sind sie fortgelaufen."

Ich erinnere mich an einen Satz, den ich einmal in einem Looptroop-Interview gelesen habe, jedes Album eines Künstlers sei stets eine Reaktion auf das Album zuvor. "Zu einem gewissen Grad stimmt das", sagt Everlast. Er wolle sich ja nicht wiederholen. Klar, jeder habe einen eigenen Stil, was aber nicht notwendigerweise bedeute, dass er auch stets eine gleiche Formel verwende. Er möge keine Bands, die immer das gleiche Album produzieren, weil sie denken, die Leute wollten es so. "Ich hatte nie die Angst zu versagen. Ich habe immer Musik gemacht, die ich mochte. Ich hatte nie wen von der Plattenfirma mit im Studio, auch nicht zu den Zeiten, als so etwas normal war. Das haben wir nicht zugelassen." Wäre er ein Maler, würde er sich auch von niemandem erzählen lassen, wie er zu malen habe, so Schrody. "Das ist mir wichtig! Wenn Du in diesem Geschäft keine dicke Haut hast, bist Du am Arsch! Weißt Du, wie oft ich am Tag lese, dass ich scheiße und alt und schwul bin und Eminem cool? Das ist so albern, da er und ich gar kein Problem mehr miteinander haben. Das ist nun mal, was die Leute tun. Sie reden Scheiße und wollen sehen, dass sie Dich beeinflusst haben, aber ich lasse das nicht zu. Ich sage Dir, 99,9% von denen wären mir gegenüber, säßen sie hier vor mir, nichts anderes als verdammt höflich. Ich habe 125 Kilo, die ich nach ihnen werfen kann, wenn ich muss. Das ist kein Problem. Wenn ich es also nicht persönlich gesagt bekomme, fasse ich es nicht als Beleidigung auf. Du kannst schreiben, was immer Du willst!" Ich erlaube mir den Spaß und antworte: "Ok, ich werd's mir merken" - und er lacht laut. "Nein, nicht Du. Das wird ja gedruckt. Wenn ich es nicht mag, kann ich sowieso kein Deutsch, also hast Du Glück."

Ich führe das Gespräch zurück zur neuen Platte. Ich möchte wissen, warum sie für ihn etwas Besonderes ist. "Es ist die erste Platte, bei deren Produktion ich die Führungsrolle übernommen habe. Klar habe ich Leute dabei gehabt, da mich beraten haben, denn die Meinung von Leuten, denen Du vertraust, ist wichtig. Wenn Du etwas tust, hast Du im Kopf, wie es sein soll, und willst dem nahe kommen. Wenn Du dem nicht nahe kommst, ist es nicht gut, auch wenn Du es nie perfekt hinbekommst. Und ich glaube, ich bin hier meiner Vorstellung mehr als nahe gekommen. Vielleicht will ich ja auch mal andere Platten als meine eigenen produzieren. Da ist es gut, vorher zu wissen, dass ich das überhaupt kann." Wie wird es also mit dem Musiker Everlast weitergehen, frage ich. Auf dem neuen La Coka Nostra-Album werde er nicht vertreten sein. Seine Tochter, die kürzlich auf die Welt kam, wurde mit Mukoviszidose geboren, was für die Familie natürlich eine Belastung sei. "Ihr geht es zwar gut, doch bei der Zuwendung, die sie braucht, möchte ich nicht länger von daheim weg sein als unbedingt nötig. Es wäre nicht möglich, das Commitment zur neuen Platte und einer neuen Tour aufzubringen. Wir (La Coka Nostra) haben uns nicht getrennt oder so, aber ich kann nicht verlangen, dass sie auf mich warten, wenn ich bereit bin, da ich nicht weiß, wann das sein wird. Und ich möchte sie nicht aufhalten, wenn sie eine Platte machen wollen. Das wäre nicht gut für sie. Ich weiß, dass einige enttäuscht sein werden, doch meine Tochter, meine Familie kommen nun mal zuerst." Auch während des Konzerts geht Everlast auf das Thema ein und erzählt, wie Lieder wie "Roses" aus der schwierigen Familien-Situation heraus entstanden sind. In diesen Momenten erkennt man auch auf der Bühne die emotionale Seite des Mannes, dessen musikalische Projekte so vielseitig sind, dass sie bisweilen widersprüchlich erscheinen, dabei dennoch nie an Authentizität einzubüßen scheinen.

Ich sehe ihm über die Schulter und sehe, dass Joey mir bedeutet, dass die Zeit fast abgelaufen ist, also komme ich zu meiner letzten Frage. Ich wisse, dass er ein großer Sopranos-Fan sei, sage ich und erkläre, dass ich auf heftigstes Drängen eines guten Freundes endlich begonnen hätte, mir sämtliche Staffeln anzuschauen. "Man, dann bist Du ja gerade mitten in einer echt guten Sache", erwidert er. Ich möchte von ihm wissen, was es ist, was er an Tony Soprano mag, und er schaut mich ein wenig irritiert an: "Nicht viel!" "Nicht viel?", frage ich und er antwortet "Nein, er ist echt ein übler Typ. Ich denke, was man an ihm mag, ist, dass er selbst damit einen Konflikt zu haben scheint. Diese Komplexität dieses Charakters gefällt einem. Aber wenn er echt wäre, würde ich nicht mit Ihm abhängen wollen. Fuck no, ich würde mich ihm nicht nähern. Vertrau mir, es gibt ein paar Leute in meinem Leben, die Leute wie ihn kennen. Ich will nicht mit einem echten Gangsterboss abhängen. Wenn Du jemanden anpisst, endest Du im Grab". "Schlecht für Deine Gesundheit", sage ich. "Seeehr schlecht für Deine Gesundheit", sagt er lachend. Everlast, zweifelsohne auch ein Charakter von besonderer Komplexität.


Text und Interview: Pete

  


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